Knol ist da

Knol, das neue Wikipedia-Konkurrenzportal von Google, ist seit Ende Juli online. Aktuell im Internet steht zwar erst eine frühe Beta-Version. Beim deutschsprachigen Ableger wird gegenwärtig noch das Portal-Firmament verlegt. Auch der Artikelbestand, einige hundert Beiträge, ist zur Zeit alles andere als beeindruckend. Allerdings: Auf eine ähnliche Weise hat auch Wikipedia begonnen. Verändert hat sich indes das Aufmerksamkeits-Level: Ungeachtet des frühen Beta-Stadiums sorgt Knol bereits jetzt für Umbruchstimmung in der Szene. Bei Wikipedia hat es die Konkurrenz des Suchmaschinenbetreibers Google bereits zu einem soliden Artikel gebracht. Inoffiziell versucht man zwar nach Kräften, Konzept und Bedeutung des neuen Portals zu bagatellisieren. Nichtsdestotrotz scheint auch den Wikipedia-Offiziellen langsam zu dämmern, daß hier vielleicht eine attraktive Alternative ins Haus steht.

Attraktiv für potenzielle Artikelschreiber könnte zum einen das Knol-Konzept sein. Anders als die kollaborativ erstellten und von meist fachfremden Administratoren überwachten Wikipedia-Einträge sind Knol-Beiträge Autoren-Beiträge. Das Etitieren zweiter und dritter ist grundsätzlich zwar möglich – allerdings nur mit Einverständnis des Hauptautors. Unterschiedliche Sichtweisen eines Themas werden bei Knol dergestalt berücksichtigt, daß zu einem Thema mehrere Beiträge möglich sind. Deren Seriosität, Güte oder Anklang bei der Leserschaft wiederum soll durch Ranking- und Wertungsfunktionen angezeigt werden. User-Wertungen statt Edit-Wars? Nach den Erfahrungen mit Amazon sowie weiteren Publikumsportalen ist zwar absehbar, daß auch das Google-Konzept keinesfalls gegen Irrtümer und Mißgriffe gefeit ist. Auffällig – und insgesamt ein angenehmer Kontrast zu dem allerorts präsenten Maßregelton der Wikipedia-Administratoren – ist allerdings die hervorgehobene Stellung der Knol-Artikelschreiber. Ein eindeutiges, in seiner Bedeutung kaum unterzubewertendes Signal: Autoren werden bei Knol offensichtlich respektiert.

Hier könnte sich Wikipedia einige Scheiben abschneiden. Eine Woche nach dem Beta-Start stehen bei Knol zwar – wie ein Wikipedianer-Kommentar abfällig, jedoch sachlich zutreffend feststellte – vorwiegend Medizin-Fachartikel. Dies könnte sich allerdings schneller ändern, als manchem Wikipedia-Aktiven lieb ist. Offensichtlich ist Knol nicht nur für Medizinstudenten, sondern auch für Wikipedia-Mitarbeiter eine attraktive Option. Absetz-Bewegungen sind bereits eine Woche nach den Start von Knol auszumachen. Beispiel: der langjährige Wikipedia-Aktivist Hans Koberger. Koberger ist kein Einzelfall. Zuzurechnen ist er jener nicht unbeträchtlichen Minderheit unter den Aktivisten, die das Projekt zwar lange Zeit mittrug, bei denen der Bogen jedoch mittlerweile überspannt ist. Koberger zog nunmehr auch praktische Konsequenzen und begann damit, Wikipedia-Texte von sich bei Knol einzustellen. Unter der Betreff-Zeile “Deine Mitarbeit bei Google Knol” fand Koberger auf seiner User-Seite bald Admin-Post. Inhalt: eine Warnung wegen potenzieller Verletzung der Wikipedia-Textlizenz. Theoretisch garantiert diese zwar, daß Autoren weiterhin über ihre Texte verfügen können. In der Praxis jedoch betrachten nicht wenige Aktive Texte in Wikipedia als Eigentum der Wikipedia Foundation.

Konflikte sind somit vorprogrammiert. Ein größeres Problem als Autoren, die ihre Texte ins Konkurrenzportal mitnehmen möchten, dürfte allerdings der zu erwartende Wikipedia-Autorenschwund an sich sein. Was die Unzufriedenheit mit der Projektentwicklung angeht, ist Koberger, ein in der Community bekannter Wikipedianer, lediglich die Spitze eines größeren Eisbergs. Angesichts der chronischen, offensichtlich nicht lösbaren Dauerkonflikte in Sachen Administatoren-Rechte und Regelfixiertheit ist es ein durchaus denkbares Szenario, daß ein größerer Teil der alten Garde wegbricht, dem Projekt Wikipedia endgültig Ade sagt und zu Knol wechselt. Wie auch immer: Die Entwicklung verspricht interessant zu werden.

Günter Schuler

2 Reaktionen zu “Knol ist da”

  1. Schwarze Feder

    Nachdem Google-Knol nun seit sechs Wochen existiert, vielleicht eine kurze Bilanz vom Verhältnis Wikipedia-Knol.

    Zunächst ist Knol meiner Meinung nach kritischer zu betrachten als Wikipedia. Jeder dritte Treffer einer Google-Suche landet auf Wikipedia-Artikel und damit in einen werbefreien Raum. Es wird gemutmaßt, dass dies ein Grundmotiv ist für Google, eine eigene Wissensplattform aufzumachen.

    Will Google also den “Content” (ein inzwischen ökononomistischer Begriff, mit dem kommerzialisierbares Internet-Wissen bezeichnet) von Wikiepdia abziehen? Dagegen spricht, dass Knol drei Lizensierungen vorsieht (Copyright und zwei CC-Lizenzen), die alle nicht mit der GNU-Lizenz von Wikipedia kompatibel sind. Es wird auch nicht die der GNU-Lizenz ähnliche CC-by-sa als Lizensierungsmöglichkeit angeboten, obwohl Knol damit seine Hände in Unschuld waschen könnte, wenn irgendwann auf Betreiben Jimbo Wales GNU und CC-by-sa kompatibel sein sollten und damit quasi alle Wikipedia-Artikel nach Knol kopiert werden könnten.
    Weiter spricht dagegen, dass Suchmaschinen für jedes Knol ähnlichen Inhalt im Internet aufspüren und dieser ähnliche Inhalt mit Prozentangabe neben dem Knol aufgelistet wird. Und es wird tatsächlich auch von Knol darauf reagiert, wenn Wikipedia-Plagiate kopiert werden. Zumindest in einem Fall, wo wir achtzig Wikipedia-Plagiate eines Knol-Autoren “geflagt” hatten, wurden nicht nur die Artikel, sondern auch der Autor gesperrt.

    Aber Knol ergreift im Gegensatz zu Wikipedia keine eigene Initiative, Plagiate zu löschen. Man muss quasi die “Artikel melden”-Funktion zweckentfremden, um Plagiate zu melden. Und man darf sich weder davon abschrecken lassen, dass Google darum bittet, die Plagiate mit der Post (also Briefumschlag etc) zu schicken noch von dem Hinweis, dass das Melden von Plagiaten eine Verleumdung darstellen könne, die gegebenenfalls strafrechtliche verfolgt wird.

    Knol ist also nicht darauf angelegt, Wikipedia-Artikel hineinzukopieren. Knol ist allerdings auch nicht so konzipiert, dass ein illegales Wikipedia-kopieren effektiv verhindert wird.

    Inhaltlich ist der Unterschied zu Wikipedia offensichtlich: In Knol kann alles stehen, in Wikipedia nur enzyklopädische Artikel. Im deutschsprachigen Knol findet sich entsprechend sehr viel Schrott. Neben einigen wenigen guten enzyklopädischen Artikeln finden sich minimalistische Artikel (Stubs), sehr viel Werbung, Wikipedia-Klone und sogenannte How-Toos, d.h. praktische Tipps. Gerade diese Tipps scheinen sehr interessant zu sein und führen auch zu einer Hinterfragung von dem, was als enzyklopädisches Wissen zu gelten hat. Um mit Bourdieu zu sprechen: das enzyklopädische Wissen von Wikipedia basiert - gerade im deutschsprachigen Wikipedia - auf einer scholastischen Abgehobenheit. Allerdings wird hier Knol dann eher zu einer Konkurrenz für die How-Toos-Wissensplattformen als für Wikipedia.

    Auf der formalen Ebene zeigt sich der Unterschied darin, dass Knol auf Programmierung setzt und Wikipedia auf Community. Während man es bei Knol mit Programmen zu tun hat, trifft man bei Wikipedia immer auf Menschen. Gerade weil Knol noch in der Beta-Version exisitiert, ist diese Programm-Fixierung momentan eine Katastrophe. Man wartet nicht nur Wochen über Wochen darauf, dass ein Bug gefixt wird, sondern man hat es mit anonymen Ansprechpartnern zu tun. Und das ist tödlich. Wer sehnt sich nicht nach der guten alten Zeit, wo man bei Problemen bspw. mit dem Telefonanschluss ein kompetentes Gegenüber hatte, statt arme Seelen im Call-Center, die ja auch nichts dafür können, dass man ein Problem hat. So ähnlich ist es bei Google-Knol: keine arroganten Admins, mit denen man sich hervorragend streiten kann, sondern formalisierte Antworten.

    Und hier sehe ich auch die Antwort von Wikipedia auf Knol: Wikipedia ist in erster Linie eine Community. Dies muss Wikipedia stärker reflektieren. Sie sollte die Autoren ernster nehmen. Hier liegt die Stärke gegenüber dem Internet-Roboter Google.

  2. Schwarze Feder

    Seit gestern bietet Knol nun auch die GFDL-ähnliche Lizensierungsform cc-by-sa 3.0. Die nächste GFDL-Variante, die erscheint, soll mit der Share-Alike Variante von cc kompatibel sein. Bei Google-Knol heißt es, das zu diesem Zeitpunkt, bis jetzt (currently) die Lizensierungen nicht kompatibel sind.

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