Wikipedia und die mehreren Milliarden

“Mehrere Milliarden US-Dollar”: So hoch veranschlagte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales in einem Interview mit der Tageszeitung “Welt” am 23. Februar dieses Jahres den derzeitigen Wert des freien Lexikons. Eine zehnstellige Summe, wenn auch (vorerst) nur ideell – das ist nicht schlecht. Auch sonst geht es bei der offenen, durch die Netz-User erstellten Internet-Enzyklopädie immer öfter um Geld und Deals. Für Irritationen innerhalb der deutschsprachigen Community sorgte anfang des Jahres eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Wikipedia-Lobbyverein Wikimedia Deutschland e.V. und dem Bertelsmann-Konzern. Konkret ging es dabei um das neue Spiegel Online-Wissensportal Spiegel Wissen. Das Nachrichtenmagazin hat für seinen neuen Internet-Zusatzservice nicht nur sein umfangreiches Textarchiv frei zugänglich gemacht. Flankiert wird der Auftritt durch zusätzliche Bertelsmann-Wissensquellen sowie den kompletten Artikelbestand der deutschsprachigen Wikipedia. Nicht wenige Enzyklopädieaktivisten sehen die zustandegekommene Kooperation allerdings kritisch. Anlaß: Anders als bei “gewöhnlichen” Webseiten mit Wikipedia-Inhalten stellte Wikimedia Deutschland hier auch technisches Know-How für eine stetige Aktualisierung der Inhalte, einen sogenannten Live-Mirror. Hinzu kommt die Zurverfügungstellung des markenrechtlich geschützten Wikipedia-Logos. Gegenleistung des Konzerns: eine Spende in unbekannter Höhe. Da bei diesem Deal alle nur zu gewinnen scheinen, lautet die Frage: Was gibt es auszusetzen an dieser Kooperation?

Vordergründig handelt es sich der Vereinbarung zwischen Bertelsmann und Wikimedia Deutschland zweifellos um ein Win-Win-Geschäft. Wikipedia profitiert vom seriösen Renommée des etablierten Nachrichtenmagazins; unmittelbar natürlich auch durch die im Gegenzug geleistete Spende. Spiegel Online wiederum hat durch die Wikipedia-Inhalte sein Wissens-Portal richtig rund gemacht. Gut möglich, daß Bertelsmann von den Plänen konkurrierender Mediengruppen getrieben wird: Gerüchte und Meldungen, denen zufolge Brockhaus künftig ganz auf die Online-Schiene setzen will, geistern ebenso regelmäßig durch die Medienszene wie solche über eine engere Kooperation zwischen dem Mannheimer Lexikon-Verlag und dem Verlag der Süddeutschen Zeitung. Zukunfts-Szenario: ein ähnliches Wissens-Bundle wie das bei Spiegel Online. Die konkreten Auswirkungen auf das Informationsangebot im Netz allerdings sind bislang eher mickrig. Gerade angesichts dieses Hintergrunds ist die Kooperation zwischen Bertelsmann und Wikipedia durchaus bemerkenswert. Erstmals geht ein großer Medienkonzern eine engere Kooperation mit den Betreibern des freien Wissens ein.

Sind freie Inhalte bei den Etablierten nicht eine begrüßenswerte Angelegenheit? Man kann es so sehen. Allerdings: Für Skepsis und Unbehagen gibt es ebenfalls gute Gründe. Ob die Spiegel-Online-Redakteursstelle für Wikimedia-Deutschland-Aktivist und Ur-Wikipedianer Kurt Jansson im Zuge der Übereinkunft mit Bertelsmann zustande gekommen ist oder – wie Jansson beteuert – nicht, ist letztlich zweitrangig (Erklärung in eigener Sache: hier). Schwerwiegender sind zwei Kritikpunkte. Zum einen das Informationsgebahren des Vereins – zumindest in der Anfangsphase. Um die Wogen in der Community zu glätten, hat Wikimedia Deutschland im Februar dieses Jahres zwar eine Stellungnahme publiziert. Für viele bleibt allerdings ein “Geschmäckle” – der Eindruck, daß der Verein in dieser Frage zu spät reagiert und die Community übergangen hat. Nicht unproblematisch ist darüber hinaus auch die Richtungsentscheidung, die Wikimedia Deutschland hier in die Wege geleitet hat. Medienpolitisch gesehen nämlich gibt es für eine NGO wie Wikipedia allerlei Gründe, eine zu enge Kooperation mit großen Medienkonzernen abzulehnen. Von einigen Community-Mitgliedern wurden diese Vorbehalte auch explizit geäußert. Teilweise betrifft das Unbehagen die Kooperation mit Bertelsmann als solche. Andere User problematisierten darüber hinaus explizit die Konstellation, die sich durch diese Zusammenarbeit ergibt: die feste Positionierung auf Seiten einer ganz bestimmten Mediengruppe. Aktive aus dem Umkreis von Wikimedia Deutschland beteuerten zwar, daß ähnliche Vereinbarungen grundsätzlich auch mit anderen Anbietern möglich seien. Nichtsdestotrotz ist der Fakt nicht von der Hand zu weisen, daß die deutsche Enzyklopädieausgabe dem Haus Bertelsmann nunmehr auf besonders enge Weise verbunden ist.

Problematisch ist das Gespann “Bertelsmann plus Wikipedia” durchaus. Im Boot ist Wikipedia aktuell nämlich mit Partnern, die in Bezug auf potenzielle Konkurrenten alles andere als informationsfreundlich agieren. Im Frühjahr dieses Jahres wurde bekannt, daß die großen Printmedienverlage eifrig zugange sind, auf die Gesetzgebung bezüglich der öffentlich-rechtlichen Internet-Zusatzangebote Einfluß zu nehmen. Hebel für diese Lobbypolitik ist die anstehende Neufassung des Rundfunk-Staatsvertrags, welcher im Detail regelt, was die Öffentlich-Rechtlichen dürfen und was nicht. Im Visier der Zeitungsverlage stehen vor allem deren Internet-Zusatzangebote. Die sollen, geht es nach dem Willen der kommerziellen Verleger, künftig strikt sendungsbezogen sein und allenfalls 7 Tage im Internet verfügbar. Eine Absicht, die bald eine empfindliche Schneise in die Vielfalt der Netzangebote schlagen könnte. Infoseiten des ZDF zu seiner preisgekrönten Krimiserie KDD, inklusive Interviews, Videomaterial und Hintergrundberichten – ade? Die jederzeit aufrufbare Webseite der Tagesschau im Internet: in der Form bald Vergangenheit? RTL total bald auch online? Im April dieses Jahres, anlässlich einer recht restriktiv gehaltenen Vorlage zum neuen Rundfunk-Staatsvertrag, wurde die Lobbypolitik der Verleger schließlich zum Politikum. Panorama berichtete, der WDR (Stellungnahme der WDR-Intendantin Monika Piel: hier) und – eben auch der Spiegel sowie sein Online-Ableger. Das Nachrichtenmagazin lieferte zu diesem Anlass, was zu befürchten war: keinesfalls objektive, neutrale Berichterstattung, sondern vielmehr süffisante Tiraden gegen die vorgebliche Dominanz der Öffentlich-Rechtlichen. Ein Schuft natürlich, wer hierin Interesse und redaktionell betriebenen Lobbyismus vermutet.

Zugegeben: Wikipedia wird man für die politische Linie des Spiegel nur schwerlich verantwortlich machen können. Allerdings werfen die Versuche der kommerziellen Verleger, öffentlich-rechtliche Inhalte im Internet zurückzudrängen, einen aufschlußreichen Blick auf die Konstellation, innerhalb der die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia gegenwärtig agiert. Zusätzlich ins Szenario paßt, daß Bertelsmann im Sommer einen Lexikon-Einbänder mit Wikipedia-Inhalten auf den Markt bringen will. Angesichts des dürftigen Umfangs handelt es sich dabei zwar um einen ebenso halbherzigen wie durchsichtigen Versuch, mit dem Markennamen Wikipedia ein paar schnelle Euro zu machen. In der Community indes wird die Frage der Kommerzialisierung bislang entweder naiv oder moralisch diskutiert. Ein Großteil der Freie-Wissens-Aktivisten gebärdet sich hier nach wie vor wie eine Glucke, die eifersüchtig auf ihren Wissens-Eiern sitzt. Schlechte Erfahrungen machen mußte in der Beziehung bereits Ober-Aktivist Achim Raschka, als er 2006 für ein ambitioniertes Projekt des Berliner Zenodot Verlags die Werbetrommel rührte – eine hundertbändige Ausgabe der freien Enzyklopädie. Beim Backen kleinerer Wikipedia-Brötchen allerdings bewies der auf freie Inhalte versierte Verlag wenig Geschick. Bis auf das von der Berliner Aktivistin Henriette Fiebig zusammengestellte Wikipedia-Buch, zusammengestellt aus diversen Manual-Texten, erwiesen sich die publizierten Wiki-Reader und -Books allesamt als Flopps. Grund: Möglicherweise war die Themenwahl für den Markt einfach zu abwegig und speziell.

Was war, muß längerfristig jedoch nicht so bleiben. Attraktivität und Vollständigkeit der Wikipedia-Inhalte haben sich seit 2006 zum Teil erheblich verbessert. Die gewitterte Morgenluft in Sachen Vermarktbarkeit (und allgemein: bezahlten Jobs im Umfeld der freien Enzyklopädie) mag auch eine der Ursachen sein für die zum Teil brachial geführten Auseinandersetzungen der letzten beiden Jahre. Ob Abbügeln, Kleinreden und Zensieren von Kritik an den regelmäßig auftretenden rechtslastigen Inhalten (siehe auch eigener Beitrag in diesem Blog) oder etwa das Entfernen von atomkraftkritischen Weblinks wie im Frühsommer 2008: Viele Konflikte lassen sich eigentlich nur vor diesem Hintergrund befriedigend erklären. Gegenwärtig scheinen die maßgeblichen Wikipedianer kein Mittel zu scheuen, um möglichst mainstreamkompatibel dazustehen. Geht es in Wirklichkeit darum, sich bei der erhofften Verteilung des Kuchens in die bestmögliche Position zu bringen? Moralisch gesehen sind Geld und Marktwert zwar für viele Altgediente ein Pfui-Thema. Andererseits läßt sich der kommerzielle Wert von Wikipedia, siehe auch das Statement von Gründer Jimmy Wales, nicht bestreiten. Man kann die Rechnung jedoch auch umdrehen und im Sinn der Autoren und Autorinnen aufmachen: Geht man von rund 5000 Autoren aus, die für die deutschsprachige Ausgabe mehr oder weniger kontinuierlich Beiträge schreiben und interpoliert diese Anzahl auf alle Wikipedia-Ausgaben weltweit, kommt man, je nach Auslegungsweise, auf 50.000 bis 100.000 Autoren, die, laut der Einschätzung von Jimmy Wales, einen Wert in zehnstelliger Höhe akkumuliert haben. Zahlte Wikipedia Honorare, wären dies – pro Autor und Autorin – ein Betrag zwischen 5000 und 50.000 Euro. Keine schlechte Wertschaffung für ein ehrenamtliches Projekt.

Mit Sicherheit sind diese Zahlen eines nicht: Anlaß, Autoren derart als Störfaktor zu behandeln, wie es beim deutschsprachigen Lexikonableger so offenkundig der Fall ist. Da die Wikipedia-Inhalte nach wie vor von Freiwilligen verfaßt werden, ist vielmehr die Frage aufzuwerfen, inwieweit das extensive Hauen und Stechen der letzten anderthalb Jahre nicht auch die Marke beschädigt hat. Für diejenigen, für die (unmittelbar) kein Job im Wikipedia-Umfeld zur Verfügung steht, mag das Ausagieren von Machtgelüsten eventuell ein Ventil sein. Andererseits lebt die freie Enzyklopädie von ihren freiwilligen Schreiberinnen und Schreibern. Fazit: Möchte man diese nicht vergraulen, ist eine erträgliche Stimmung im Team schon unter dem Aspekt der Nutzenabwägung vonnöten. In diesen Bereichen scheppert es allerdings schon länger. Ein Indiz ist das Spendenaufkommen der Kampagne 2007, die deutlich hinter den gesetzten Erwartungen zurückblieb. Geld – zum Betreiben des Serverparks, zum Unterhalten des Organisationsgerippes der internationalen Foundation und für andere Zwecke – ist mittlerweile sogar explizit Thema. Möglich, daß selbst Werbung so mittelfristig wieder auf der Tagesordnung steht – auch wenn Wikipedia-Begründer Wales hier nach wie vor mehr auf Großspenden zählt und Werbung in der Community traditionell eines der hochkarätigsten Reizthemen ist. Last but not least: Auch die Autoren-Neuzugänge scheinen seit längerem zu stagnieren. Obwohl die Projektaktiven bei diesem Thema weiter unentwegt Optimismus ventilieren, gibt es eine Reihe Indizien für die Vermutung, daß Wikipedia autorell schon länger im eigenen Saft schmort. Auch die projektinternen Statistikseiten geheimnissen bei diesen Fragen weiterhin mehr, als sie offen legen.

Wikipedia – Quo vadis? Wie es scheint, ist der Kommerzialisierungs-Zug nicht mehr aufzuhalten. Die gute Frage ist, wer daran verdient, und auf welche Weise Geld mit Wikipedia-Inhalten verdient wird. Wie wäre es an der Stelle mir Fair Trade? Das klingt nicht umsonst ähnlich wie Fair Use – der Forderung nach einer pragmatischeren Umgangweise in Sachen eingestellter Bilder. Ein entsprechender Pragmatismus intendierte jedoch auch ein anderes, gleichberechtigteres Verhältnis zur Masse der Autoren, die Wikipedia summa summarum möglich machen. Sicher: Die freien Inhalte im Internet sind bereits ein Wert für sich. Sie möglich gemacht zu haben, ist mit Sicherheit das Verdienst derjenigen, die sich heute das Etikett “Wikipedianer” auf die Brust heften. Allerdings ist allmählich die Zeit gekommen, die Ärmel herunterzukrempeln, die Basis des Projekts zu erweitern (anstatt weiter zu vergraulen), taugliche Strukturen zu etablieren und den bürokratischen Wildwuchs, der sich im Lauf der Konsolidierungsphase angesammelt hat, auszumisten. Dies heißt auch: die Autoren auf angemessene Weise in Richtungsentscheidungen einbeziehen. In Klartext: Der (ideelle) Kuchen sollte, zumindest ungefähr und im Großen, von allen fair verwaltet werden. Ginge dieser Prozess halbwegs erfolgreich über die Bühne, hätten auch Wikipedia-Inhalte bei Spiegel Online nicht unbedingt den Nachgeschmack, den sie heute haben. Selbst dann, wenn Spiegel-Redakteure meinen, Internetauftritte von ARD und ZDF als Vorboten des sozialistischen Gulags hinstellen zu müssen.

Günter Schuler

Eine Reaktion zu “Wikipedia und die mehreren Milliarden”

  1. Brummfuss: Patient Wikipedia mit negativer Prognose

    Ein sehr interessanter Artikel. Geld ist ja nach Lehrmeinung eine klassische Motivation für das Handeln eines Menschen. Das kommt dann noch bzw. kam bereits als Motivation für die bestehenden sozialen Mechanismen hinzu.

    Diese Mechanismen haben in der Vergangenheit das Klima in der Wikipedia bereits schwer erträglich gemacht. Das Bagatellisieren der Konflikte spricht eher für eine Unfähigkeit zur Reflexion. Wenn diese Unfähigkeit die “Masse” an Autoren beträfe, würde es ja nicht wundern. Leider scheinen mir aber auch Projektmitglieder von dieser Unfähigkeit betroffen, die durch ihre soziale Positionierung Einfluss (und Macht) haben. Die deutsche Wikipedia war in der Vergangenheit kaum bis gar nicht in der Lage, eine Rückkopellung von Verhalten zu Konsequenzen durch strukturelle Werkzeuge sicherzustellen.

    Da die Prominenten in ihrer “Schwarmintelligenz” bereits in der Vergangenheit eher mit Repressalien anstatt mit Reflexion auf Kritik reagiert haben, sehe ich wenig Hoffnung, dass sich die Verhältnisse nun durch die zunehmende monetäre Verwertung der Inhalte bessern werden.

Einen Kommentar schreiben

du mußt angemeldet sein, um kommentieren zu können.