Wiederwahlen für Wikipedia-Admins?

Es tut sich einiges in der deutschsprachigen Wikipedia. Das Regiment aus Redeverboten, Benutzersperrungen und Bürokratie, daß in der ersten Jahreshälfte 2007 noch an allen Ecken und Enden das Klima vergiftete, weicht aktuell einem immer weiter um sich greifenden Bedürfnis nach Diskussion. Hinweise auf die gewandelte Stimmung findet man zuhauf. Ein Ende Januar gestarteter Thread mit dem Titel “Die gefühlte und die echte Willkür” etwa verursachte in der Mailingliste wahre Postkörbe mit Statements. Auch in Wikipedia selbst findet man jede Menge neuer Grundsatzbeiträge über den aktuellen Zustand sowie die weitere Ausrichtung des Projekts (zum Beispiel hier, hier und hier). Deutlichstes Indiz dafür, daß der Handlungsdruck groß ist und die miese Stimmung an der Basis mittlerweile auch in den mittleren Etagen des Projekts als Problem eingeschätzt wird, ist ein aktuell laufendes Meinungsbild. Die zur Disposition stehende Frage: Sollen Administratoren des deutschsprachigen Projektablegers weiter “auf Lebenszeit” ernannt bleiben, oder sollen sie sich turnusmäßig stattfindenden Wiederwahlen stellen?

In der Wikipedia-Community sind in der Tat einige Dämme gebrochen. Das Meinungsbild zur Einführung von Admin-Wiederwahlen, daß seit dem 18. Januar stattfindet und bis zum 1. Februar dauern soll, zeitigt eine Beteiligung wie bislang kaum eines in der Geschichte des deutschsprachigen Lexikon-Ablegers. Vorbereitung und Wahlmodalitäten waren zwar auch diesmal nicht frei von den üblichen Tricks, Manipulationen, Einschränkungen und Rückversicherungen. Allein bereits die Tatsache, daß eine derartige Abstimmung überhaupt stattfindet, ist für Wikipedia-Deh-Eh jedoch schon eine kleine Revolution. Gründe, auf diese Weise die Offensive zu suchen, liegen zwar massig auf der Hand. Immer mehr gute Autorinnen und Autoren kehren der freien Enzyklopädie den Rücken. Auch die Unzufriedenheit mit den bürokratischen Strukturen sowie der Willkür einzelner Administratoren hat sich – aller gewaltsamen Niederschlagungsversuche zum Trotz – zum Dauerbrenner entwickelt. Ein Dauerbrenner bleibt auch die Kritik an rechtslastigen Etitoren. Bekanntlich nutzen Rechte bereits seit geraumer Zeit Wikipedia als Forum für geschichtsrevisionistische Beiträge und zum Unterbringen enzyklopädisch getarnter NPD-Parolen. Vorgehensweise hier: einerseits das Problem leugnen, andererseits nicht mehr zu leugende Brandstellen möglichst still und leise löschen (siehe auch aktuellen Blog-Beitrag zum Thema).

Immer mehr Aktive haben allerdings die Nase voll vom “Puppenstuben-Diskussionsklima”. Ob kritische User wie Brummfuß (aktuell für einige Wochen gesperrt), Ulitz, Simplicius, Neon02 oder Anima, altgediente Kämpen wie Schwarze Feder, Jesusfreund und Andrax, nachdenkliche Stimmen wie etwa Hans Koberger, Mautpreller, Fossa und Klaus Graf oder einfach Aktivisten mit Bauchschmerzen wie etwa Schlesinger oder Elian: Die Liste der Projektaktiven, die Dissenz zum aktuellen Mehrheitsmainstream anmelden, wird von Woche zu Woche länger. Wollen die Mehrheitskritiker den Machtwechsel, oder gar – für einige Gralshüter des freien Wissens die allerschlimmste Perspektive – demokratische Zustände? Letzteres ist zwar nicht ganz falsch. Um den aktuellen “Wiki-Frühling” allerdings richtig zu verstehen, muß man ein, zwei Jahre in der Projekthistorie zurückgehen. Zu thematisieren wäre vor allem der Aktiven-Generationswechsel, der ungefähr 2006 massiv einsetzte und im Jahr 2007 zum (vorläufigen) Abschluß gekommen ist. Im Verlauf dieses Prozesses wurde die Gründergeneration (Kennzeichen: inhaltliches Enzyklopädieverständnis, liberale Umgangsformen; bekannte Vertreter: Southpark, Elian oder auch Kurt Jansson) von den zwischenzeitlich hinzugestoßenen, technisch sehr versierten Power-Usern (herausragender Exponent: Sebmol) zahlenmäßig überrannt und in der Folge in den Hintergrund gedrängt. Regeln bis zum Abwinken sind seither das absolute Leitkriterium bei der deutschen Ausgabe des freien Lexikons. Redaktionelle Inhalte oder einzelne User(innen)? Nachrangig.

Wikipedia als Selbstzweck? Der neue Wind, den die großteils junge bis sehr junge Web 2.0-Garde in Wikipedia hereingetragen hat, ist überall spürbar. Kritische User subsummieren die derzeit administrierende Poweruser-Clique oft unter dem Etikett “Chatmob” – wobei natürlich keinesfalls alle “Power-Admins” Dauergäste in den Wikipedia-Chatkanälen sind, dafür jedoch durchaus auch chatmob-unverdächtige Admins dort anzutreffen sind. Der Zufriedenheitsfaktor mit der administrierenden Kerntruppe tendiert mittlerweile allerdings gegen Null. Dringenden Reformbedarf an meldet mittlerweile auch eine, die es wissen muß. Elian, wohl eine der wichtigsten Aktiven der Gründergeneration, zeichnete auf einer als Blog betriebenen User-Unterseite ein äußerst düster ausfallendes Bild der gegenwärtigen Wikipedia-Sitten. Das Ende vom Traum eines kollaborativen Enzyklopädieprojekts klingt bei der altgedienten Aktivistin fast wie eine Passage aus George Orwells “1984″. Zitat: “(…) Die Gesundheit eines Projekts zeigt sich am Umgang mit seinen Kritikern und Unangepassten. Und da kann man der Wikipedia nur ein zunehmend schlechter werdendes Zeugnis ausstellen. Wer nicht pariert, wird ausgegrenzt und solange gereizt und beleidigt, bis er den passenden Sperrgrund liefert, worauf man ihn dann auf der Vandalenmeldung denunzieren und ‘abklemmen’ kann. Nettes Wort, oder? ‘Hinter jedem Beitrag zur Wikipedia – ob gut oder schlecht – steht ein Mensch.’ Faselt die Wikiquette so schön daher (hab ich vermutlich irgendwann vor Urzeiten reingeschrieben). Wir klemmen also Menschen ab. Es ist ganz leicht - als Admin muss man dazu nur einen Link klicken, die passende Begründung auswählen (’kein Wille zur enzyklopädischen Mitarbeit erkennbar’) und die angemessene Strafdauer eingeben.”

Kommt es am Ende nunmehr doch zu angemessenen Strafdauern für Admins, die sich danebenbenehmen? Daß Meinungsbild, daß Ende Dezember 2007 von Militärportal-Mitarbeiter Florian Adler initiiert wurde, verspricht viel. Erstmals scheint ein Grundpfeiler der bisherigen Projektpraxis – die faktische Unantastbarkeit der Wikipedia-Administratoren – ernsthaft zur Disposition zu stehen. Allerdings: Auch bei Wikipedia wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Indizien dafür, daß die Abwählbarkeit nicht wirklich zur Abstimmung gestellt werden sollte, gab es bereits früh. In der Vorbereitungsphase, in der es erfahrungsgemäß um genaue Modalitäten, den Ablauf sowie das Zusammenbringen repräsentativer Vor-Voten geht, meldeten sich nicht nur die zu erwartenden Bedenkenträger. Daß einzelne Aktivisten, vorwiegend aus dem Admin-Bereich, das altbekannte Allround-Argument noch einmal zu Besten geben würden, daß eine Enzyklopädie keine Demokratie sei, mußte natürlich unbedingt sein. Andere argumentierten mit dem Aufwand sowie dem zu erwartenden Effezienzverlust. Auch sie haben Recht. Sicherlich bedeutet jede Wahl Aufwand, sogar ganz erheblichen. Im “Real Life” werden Wahlhelfer zu einer recht unerquicklichen Verbringung ihrer Wochenendfreizeit verdonnert; Wahlkampf wird geführt, Papier wird bedruckt, TV-Sendezeit in Beschlag genommen. Da am Ende so oder so eine Regierung herauskommt, ließe sich eine solche Ressourcenvergeudung zweifelsohne am besten dadurch vermeiden, daß man Wahlen ganz abschafft.

Man kann die seltsamen Demokratievorstellungen dieser Turnvater Jahn-Nachfolger im Geiste lustig weiterspinnen. Als entscheidende Weichenstellung für den weiteren Ablauf erwies sich allerdings die im Verlauf der Verfahrens-Vordiskussion zusammengekasperte Modifizierung der Wahl-Prozedur. Da das Abstimmungsergebnis für die Community so wesentlich sei, solle die neue Regelung lediglich dann zur Anwendung kommen, wenn sich zwei Drittel der Abstimmenden für diese aussprächen. Mit genau dieser entscheidenden Einschränkung wurde die Frage seit dem 18. Januar der Community zur Abstimmung vorgelegt: nicht die einfache Mehrheit sollte zählen, sondern lediglich die überwältigende. Dessen ungeachtet zeigte das Meinungsbild, daß noch bis zum 1. Februar andauert, von Anfang an eine ungewöhnlich hohe Beteiligung. Rege frequentiert wird dabei nicht nur die Abstimmungsseite selbst, sondern auch die dazugehörige Diskussionsseite. Aufgrund des Andrangs mußten ältere Diskussionsteile zwischenzeitlich sogar archiviert werden. Bis zur Onlinestellung dieses Beitrags beteiligten sich knapp 500 User an der Abstimmung – womit die Masse derjenigen, die man derzeit zur aktiven Wikipedia-Community zählen kann, wohl weitgehend abgeschöpft ist.

Dramatisch und aufschlußreich zugleich ist auch der Verlauf bei den Voten. Da sich bei der Verteilung der Stimmen schon recht früh ein Fifty Fifty-Stand ergab (mit einem minimalen Vorsprung der Adminwiederwahl-Gegner), ist das am 1. Februar ins Haus stehende Ergebnis so oder so aussagereich – ungeachtet der im Vorfeld angesetzten Zweidrittelhürde. Da bei dieser Abstimmung ganz konkret die Posten einzelner “Freizeitdiktatoren” zur Disposition stehen, ist eine Aufschlüsselung der Stimmen ebenfalls interessant. Laut einer auf der zugehörigen Diskussionsseite stehenden Tabelle des Adminpedia-kritischen Users Schwarze Feder zufolge stimmten bis zum Freitag, dem 25. Januar 222 User für Admin-Wiederwahlen, 231 hingegen dagegen. Wie nicht anders zu erwarten, stimmte eine deutliche Mehrheit der normalen User für den Vorschlag, dagegen hingegen eine überwältigende Mehrheit der Projektadministratoren. Während lediglich 17 Admins nichts gegen die Aussicht hatten, sich periodisch Wiederwahlen stellen zu müssen, zogen 89 die Option “Posten so lange, bis ich keinen Bock mehr habe” vor. Bei den Usern ohne Adminfunktion sehen die Präferenzen entsprechend anders aus. Ginge es nach ihnen, ergäbe das Meinungsbild eine 59-zu-41-Prozent-Mehrheit für Admin-Wiederwahlen. Da bislang erst rund die Hälfte aller Admins abgestimmt hat, verführt die aktuelle Konstellation durchaus zu Rechenspielen. Beispielsweise: Wie viele User müssen angesichts von derzeit rund 250 Admins minimal an der Abstimmung teilnehmen, damit das für den Erfolg nötige Zweidrittel-Ergebnis erzielt wird?

Bemerkenswert an der Abstimmung sind nicht nur Rechenspiele, sondern auch einige Details aus dem Bereich Personalia. Die für die anstehende Prozedurveränderung votierenden Admins Florian Adler, Achim Raschka und Markus Cyron zählen zu denen, bei denen der Posten auch nach einer Änderung der Verfahrensweise nicht in Gefahr sein dürfte. Als übermäßig empfindlicher Bedenkenträger gilt keiner von ihnen. Der Biologe, Schlangenspezialist und Befürworter einer gedruckten Enzyklopädieausgabe Achim Raschka aus Berlin genießt projektintern zwar eine geradezu überwältigende Autorität. Der von ihm praktizierte und Kommunikationsstil aus wohldosierten Gunstbezeugungen und Brachialbashing (Beispiel: hier) erinnert in vielen Aspekten an den Führungstil von Ex-Bundeskanzler und CDU-Chef Helmut Kohl. grosso modo ist er eine nicht unersprießliche Quelle für die Cliquen- und Günstlingswirtschaft, welche die deutschsprachige Wikipedia derzeit prägt. Wikipedia-Poweruser Markus Cyron, der seine Abneigung gegen “Trolle” und Diskutanten zwar im Dauerstakkato artikuliert, den “Völkischen Beobachter” hingegen für eine reputable Quelle hät (Originalzitat auf dieser Seite), würden wohl eine Reihe von Usern liebend gern vom Adminsessel wegkomplimentieren. Aufgrund guter Einbindung in die derzeit agierende Kerntruppe muß allerdings wohl auch er Wiederwahlverfahren nicht wirklich fürchten.

Auch bei den Gegenstimmen dürften einige wenig praktische Konsequenzen zu befürchten haben. Sebmol mag vielen zwar als der personifizierte Apparitschik gelten. In Sachfragen versteht er es allerdings nicht ungeschickt, taktisch zu agieren. Fazit: ebenfalls zu wenig kritische Masse zur Abwahl. Dasselbe gilt für Florian Adler, der als Initiator des Meinungsbilds erwartungsgemäß mit “pro” votierte. Daß ein nicht geringer Teil des Admin-Fußvolks sich im Fall einer Wahlniederlage ernste Gedanken machen müßte, liegt ebenso auf der Hand. Wenig abgewinnen können den neuen Verfahrensweisen zwar auch communitybekannte Überzeugungstäter, die eher übergreifende Lobbyarbeit als das Tagesgeschäft betreiben und darum ebenfalls wenig zu verlieren haben. Beispiele: Markus Mueller oder der Vereinsaktivist Mathias Schindler. Bei anderen Contra-Stimmen hingegen kann Sorge um den eigenen Posten nicht ausschließen. Namen wie DasBee, Chaddy, Achates, Julius 1990, Stechlin, Polarlys, Denis Barthel, -jha, Fritz und Scherben sind wikipediabekannt: Wo Artikel gelöscht, User gesperrt, Autoren zusammengefaltet oder bürokratische Maßnahmen schlecht bis nicht kommuniziert werden, sind sie meist nicht fern. Wiederwahl im Fall, daß die neue Prozedur durchkommt: wohl fraglich. Ein paar weitere Wackelkandidaten schließlich – beispielsweise der früher durchaus kompetente, mittlerweile jedoch auf Chatmob-Linie umgeschwenkte Fotospezialist Ralf Roletschek sowie D, von dem eigentlich keiner recht sagen kann, warum er oder sie überhaupt Admin ist – haben ihr Votum bislang noch nicht abgegeben. Das Meinungsbild bleibt also weiterhin spannend.

Gespannt sein darf man natürlich auf die Ergebnisse. Ein Erfolg für all diejenigen, die sich mit der unhinterfragten Macht der Projektadministatoren nicht mehr abfinden mögen, ist allein die Tatsache, daß es überhaupt stattfindet. Selbst im ungünstigsten Fall einer Abstimmungsniederlage wäre das Ergebnis ein Warnschuß vor den Bug. Die ganz groben Hämmer wie 2007 dürften in dieser Massivität wohl Vergangenheit sein. Eine einfache Mehrheit der Wiederwahl-Befürworter, wie hauchdünn auch immer, würde die aktuelle Adminriege ebenfalls delegitimieren. Das Meinungsbild – auch wenn es aufgrund der im Vorfeld zusammengeschusterten Wahlmodalitäten keine Regelgültigkeit hätte – wäre eine ganz klare, unwiderlegbare Aussage darüber, was die Mehrheit der aktuellen Wikipedia-Aktiven möchte. Möglich, daß so zumindest eines herausspringt: ein etwas erträglicheres Arbeitsklima. Die “Adminpedia”-Gegner hätten darüberhinaus eine solide Legitimation, längerfristig ein neues Meinungsbild zu initiieren – bei dem dann reale, einfache Mehrheiten ausreichen.

Im Moment sieht es nicht danach aus. Die Variante, daß die siegreiche Partei den Status Quo zum Anlaß nimmt, eine Säuberungsaktion zu starten und weitere “Adminpedia”-Kritiker aus dem Projekt herauszuekeln, kann man zwar ebenfalls nicht zur Gänze ausschließen. Da Wikipedia nicht Autoren hat wie Sand am Meer und der Ruf des Projekts, was das Arbeitsklima angeht, sowieso angeschlagen ist, dürfte diese Variante allerdings eher nicht Wirklichkeit werden. Option drei: Die nötige Zweidrittelmehrheit für Admin-Wiederwahlen kommt wider Erwarten doch noch zustande. Natürlich wäre auch dieser Ausgang keine Garantie für die Lösung aller Wikipedia-Probleme. Allerdings: eine bessere, weil tragfähigere und akzeptiertere Grundlage. Für die Konservativen wäre die Prozedur im Grunde tolerabel. Auch der italienische Projektableger hat sie eingeführt; im Chaos untergegangen ist er darum nicht. Was ein Umschwenken des Wikipedia-Dampfers in inhaltlich ergiebigere Gewässer angeht (der Trash ist gut versorgt; bei wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Themen hingegen klaffen nach wie vor riesige Löcher), wäre mittelfristig hingegen ein wichtiges Zeichen gesetzt: Gegen Machtmißbrauch kann man sich bei uns zur Wehr setzen! Was für neue freiwillige Autor(inn)en keinesfalls das schlechteste Signal wäre.

Substanzielle Mitspracherechte von Autoren sind darüber hinaus kein Luxus oder Gnade, sondern für die Erstellung redaktioneller Inhalte eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Die Leidensbereitschaft, sich von regelfanatischen Web 2.0-Youngstern frei nach Tagesform zurechtweisen zu lassen, bringt nicht jeder mit. In der Beziehung düfte Wikipedia sein Autorenpotenzial vermutlich sowieso bereits weitestgehend abgeschöpft haben. Da der Begriff “enzyklopädische Inhalte” zudem kein beliebig dehnbarer ist und ausführliche Anleitungen für Foltertechniken, Menschenversuche oder das Bauen schmutziger Bomben nach Auffassung der meisten Menschen wohl nicht in eine Enzyklopädie gehören, sollte die Ideologietruppe des Freien Wissens allmählich auf den Boden der Realität herunterkommen. Real an steht nicht möglichst viel Reinheit an Freie-Wissens-Lehre, sondern die Diskussion um eine zeitgemäße Verortung eines Enzyklopädieportals, daß mit gemeinschaftlichen Mitteln erstellt wird. Niemand ist “neutral” – auch wenn ein möglichst weit gefaßter Grundkonsens zweifelsohne anstrebenswert sind. Fazit: Zu führen wären einige Diskussionen – die um die längst fällige Verortung des NGO-Projekts Wikipedia auf dem Boden der allgemeinen Menschenrechtscharta sowie eine Antidiskriminierungspolice (die den Ausschluß von NS-Propaganda selbstverständlich mit einschließt) ebenso wie die um nötige Strukturreformen. Topp-Punkte auf Zettel Nummer zwei: die Frage des Kompetenzzuwachses für Fachredaktionen sowie das Garantieren des nötigen “Wohlfühlfaktors” für die freiwilligen Autoren – etwa durch das Etablieren adminunabhängiger Konflikt-Anlaufstellen. Hört sich eigentlich recht unspektakulär an, fast alltäglich und normal. Würde dieser unspektakuläre Weg beschritten, könnte es allerdings durchaus noch was werden mit dem vielfältigen, wissenshaltigen freien Online-Nachschlagewerk.

Günter Schuler

16 Reaktionen zu “Wiederwahlen für Wikipedia-Admins?”

  1. sebmol

    “Gegen Machtmißbrauch kann man sich bei uns zur Wehr setzen!” - das konnte man eigentlich mittels Adminbeschwerde und De-Adminverfahren schon immer, seit der Gründung des Schiedsgerichtes gibt es dafür ein weiteres Mittel. Schau dir das doch mal an.

  2. andrax

    Wenn die Ironie so erfolgreichen Behördengänge die Bedürfnisse der übrigen Aktiven zufrieden stellen würden ;-) Außerdem müssen ja nicht nur Missbräuche zur einem Vertrauensverlust führen. Das Trotz des von Sebmol initiierten 2/3 Modus Hunderte zur Wahl schreiten, spricht dagegen deutlich für die hier gut beschriebene Problematik und den Unwillen mit dem Zustand unter Autor_innen. Wer sich wählen lässt, muss sich nach einer Zeit auch dem Vertrauen seiner Wähler stellen. Selbst viele Contra-Stimmen sind nicht grundsätzlich gegen eine Wiederwahl. Das Meinungsbild ist überhaupt ziemlich vergurkt, man hätte es nicht so hektisch durchdrücken müssen. Da gab es in vielen Fragen noch keinen Konsens: die 2/3 Hürde schreckt ab, ebenso die fehlende Vorschläge für eine Umsetzung von Wiederwahlen. Hier phantasieren viele Admins einen unnötigen Aufwand herbei. Eine Wiederwahl auf Antrag hätte sicher auch bei vielen Kontras Zustimmung gefunden. Jedenfalls müssen wir einen Konsens entlang der Argumente finden, und nicht entlang der Vorstellungen von Privilegien, um das Vertrauen und das Arbeitsklima in der Community zu verbessern. – Und nochmals zu dem obigen Vereins-Statement: Ihr führt doch auch Wahlen durch.

  3. Brummfuss

    Sebmol schrieb: “[Gegen Machtmissbrauch] konnte man [sich] eigentlich mittels Adminbeschwerde und De-Adminverfahren schon immer [zur Wehr setzen]”. Das ist -mal wieder- schlicht falsch. Nur die allerwenigsten “Adminprobleme” mündeten in einer Wiederwahl. Sie funktionieren einfach nicht, wie sich haufenweise an Beispielen belegen lässt:

    Im folgenden Besipiel versuchte Admin Marcus Cyron (Mission nach eigenem bekunden: Bekämpfen von “Men on Mission” (er meint Wikipedia-Kritiker)), Admin Syrcro für eine gewaltsam mdurchgesetzte Entscheidung zur Rechenschaft zu ziehen. http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Administratoren/Probleme/Syrcro
    Der Beitrag wurde archiviert, ein Ergebnis gab es nicht. Eine erneute Wahl findet nach den selbstgemachten Regeln in so einem Fall auch nicht statt.

    Auch “-Jha-” darf trotz festgestellter Regelverstöße weiter Admin bleiben; dafür sorgten u.a. die Admin-Kollegen, die einen Entzug des Adminstatus ablehnten bzw. das “Verfahren ablehnten” (ja, auch Beschwerden können in der Wikipedia mit einfacher Mehrheit “abgelehnt” werden):

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Administratoren/Probleme/-jha-

    Auch hier sehen die Regeln keine Wiederwahl vor.

    Der Grund für dieses völlige Versagen der Kontrollinstanzen liegt eigentlich auf der Hand. Diese Seiten werden nach dem “Wiki-Prinzip” verwaltet, dass heisst, es gibt weder sinnvolle Regeln, noch verbindliche personelle Zuständigkeiten. Wenn man dort ein Problem postet, bleibt es dem Zufall überlassen, wer sich dort beteiligt. Da natürlich die aktivsten benutzer aus dem Chat, die Admins, meist sehr schnell dabei sind, haben sie die Sache ohnehin meist in der Hand.

    Komplett vergessen kann man diese Instanzen, wenn sich zufällig jemand meldet, der sich nach einer anderen Sachauseinandersetzung in seiner Eitelkeit gekränkt fühlt. Voraussetzung ist aber, dass man erstmal die Eingangshürde besteht. Bis vor kurzem war es durchaus üblich, die Verfahren vorzeitig abzubrechen und auch nicht zu archivieren. Manche Anträge wurden als “Trollanträge” oder als “kein Admin-Problem” gar nicht besprochen und einfach gelöscht.

    Wer sich dagegen wehren möchte, darf sich an anderen Stellen beschweren, die ebenso funktionieren und meist auch einen oder mehrere Besitzer haben (Grüppchenbildung).

    Eine Wiederwahlmöglichkeit wäre ein Schritt auf dem langen Weg, den die Wikipedia bis zu einer Verbesserung zurücklegen muss. Um gegen 220 Admins, die zu 85 % mit “nein” stimmen, die einfache Mehrheit zu erlangen, wären ca. 850 bis 900 Benutzer notwendig, wen von ihnen 59% mit “ja” stimmen.

  4. Brummfuss

    An Ideen mangelt es in der Wikipedia-de-eh nicht.

    Admin “Ureinwohner” regte an, bei der initialen Kandidatur von Administratoren Contra-Stimmen einfach zu ignorieren. “Ureinwohner”: “Ich denke, dass solche prinzipiellen Contras bei der Auswertung von den Bürokraten ignoriert werden könn(t)en”. [Admin-Notizen]

    Prima Idee! Damit würde es den Bürokraten auch möglich, sich das Ergebnis einer Adminwahl im Sinne der nicht abwählbaren Adminsitratoren zurechtzubiegen.

  5. Thomas7

    Zweimal wurden von mir angestrengte Beschwerden auf der Admin-Problemeseite einfach gelöscht. Sebmol verbreitet Unwahrheit und aufgrund der üblen Umgangsformen von Sebmol bin ich sicher, dass Augustinus Kriterien zur Unterscheidung von Unwahrheit und Lüge bei Sebmos erfüllt sind: Täuschungsabsicht.

  6. andrax

    Wie ist es möglich, dass eine selbsternannte Avantgarde von Aktivisten das Projekt besetzt und den Rest erfolgreich von der Projektgestaltung ausschließt? Adminpedia: Die Verlockungen der Macht. In: Günter Schuler: Wikipedia inside. 2007, S. 156

    * Beispiel Sperrwahnsinn
    - Wie viele Autoren wurden gesperrt?
    - Wie oft gab keine nachvollziehbare Begründung?
    - Wie oft hätte ein ordentliches Sperrverfahren statt einer “indifiniten” Sperre angestanden?
    - Wie oft werden Sperren mit Drohungen an andere Kolleginnen und der gesamten Community verbunden?
    - Welche Erfolgschancen haben Beschwerden über die eigene oder andere Sperren?
    - Wie wird das Sperrverhalten kontrolliert?
    - Wer untersucht die Sperren und das Verhalten des Sperrenden Admins?
    - Wie verhalten sich andere Admins zu einer umstrittenen Sperreaktion eines Admins?
    - Welche Konsequenzen wurden je aus dem Missbrauch der Sperrknöpfe gezogen?
    Adminkratie oder zivile Strukturen?

  7. andrax

    Ein Highlight aus der Wahldebatte:

    Wikipedia ist kein Verein und hat auch keinen Betrievsrat. Sebmol

  8. Mautpreller

    Ich spreche mich entschieden gegen meine Einordnung unter “nachdenkliche Stimmen” aus. Warum nicht gleich “Querdenker” oder “unbequeme Mahner”? Nein, nein, wenn schon, dann bitte unter “unverbesserliche Querulanten”.

  9. andrax

    Stimmt schon, du bist echt ein Mautpreller;)

  10. Florian

    Ich könnte jetzt viel über die positiven wie negativen Aspekte dieses Artikels schreiben (denn beides ist meiner Meinung nach vorhanden), stattdessen möchte ich lediglich um eine kleine Berichtigung bitten: Ich bin NICHT Wikimedia-Vorstandsmitglied. Ich bin noch nicht mal im Verein und war es auch nie. Wie der Autor auf diese Idee kommt ist mit etwas schleierhaft.

    Florian Adler

    Es stimmt: Florian Adler ist NICHT im Vorstand des Vereins Wikimedia Deutschland e.V.. Der entsprechende Satz im Text wurde korrigiert. Für die Fehlinformation, die unbeabsichtigt war und sich unverifiziert im Eifer des Gefechts eingeschlichen hat, bitte ich um Entschuldigung. Günter Schuler

  11. Der Aufpasser

    Eigentlich ist es geradezu grotesk, dass über eine Selbstverständlichkeit, wie die Beschränkung einer Amtszeit bzw. die Möglichkeit zur Ab- oder Wiederwahl überhaupt abgestimmt bzw. diskutiert wird. Ein typisches Beispiel für die Zustände in dieser Möchtegern-Enzyklopädie.

  12. Thomas7

    Fälscher in der deutschen Wikipedia
    Wie man auf der Diskussionsseite zum Artikel über Kardinal Meisner leicht sehen kann, werden fremde Diskussionsbeiträge massiv und unter Verstoß von Wikipedia-Regeln verfälscht und teilweise gelöscht. Zu den Manipulateuren die gegen enzyklopädische Prinzipien verstoßen, gehören die Benutzer Tobnu, Th1979, My Name und Seewolf. Ziel der Manipulationen ist das Verbergen von Kritik an dem geschönten und Kritik unterbügelnden Artikel über den Kardinal, der vom Friedrich Küppersbusch als Hassprediger alter Schule und vom Zentralrat der Juden als notorischen geistigen Brandstifter bezeichnet wurde.

  13. Talynn

    Um diesen Sachverhalt zu illustrieren, kann man nächstes mal auch ein Bild nehmen: http://image-upload.biz/files/aacde11ba4390727842f739b1.jpg

    Schon der halbwegs verlogene Beitrag von sebmol zeigt doch, dass die Botschaft dieses hervorragenden Artikels noch nicht bei den meisten Admins angekommen ist. Oder sie verstehen nicht, dass sämtliche Instrumente in der Wikipedia, die dazu geeignet sind, gegen Ungerechtigkeiten seitens der Admins vorzugehen, ebenfalls von Admins kontrolliert werden.

  14. Cassidy

    Es menschelt halt’ überall. Wikipedia bleibt ein unerreichbares Ideal. Wirklich “herrschaftsfreies Wissen” bietet nur (noch) das Internet mit seinen Suchmaschinen.

  15. Marcus Cyron

    Wow, das sehe ich ja jetzt erst. Herr Schuler lügt… - was für eine Überraschung. Die Behauptung ich hielte den Völkischen Beobachter für eine “reputable” Quelle ist nachweislich und nachprüfbar falsch. Ich habe geschrieben, daß ich ihn für eine historische Quelle halte. Und wer etwas anderes behauptet hat entweder keine Ahnung oder ist zu engstirnig und von Vorurteilen belastet, daß er nicht der Meinung ist, auch Naziliteratur dürfe aus historischer Sicht bearbeitet werden.

    Naja. Warum sollten sie auch das lügen beenden?

  16. WP:NOR

    Marcus, wegen allzu sendungsbewussten und selbsternannten “Historikern” u.a. “Wohnzimmerwissenschaftlern” gibt es die oben verlinkte Richtlinie, welche besagt, dass die Veröffentlichung von “original Research” keine gute Idee ist in einem Straßenlexikon wie die Wikipedia.

    Aus dem Artikel L. W. v. Dobschütz wurde der Völkische Beobachter dann auch aus der Literaturliste entfernt.

    Im Grunde stellt uns das vor ein neues Dilemma: Die Literaturliste wird in vielen Artikeln als Quellenverzeichnis benutzt. Wenn aber Schriften von alten und neuen Nazis verwendet werden, wird dieser Fehler nicht behoben, in dem man die Angaben aus der Liste der Quellen löscht.

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