Danke, Katina Schubert!
Der 6. Dezember 2007 sollte eigentlich ein herausragender Tag für die Community der deutschsprachigen Wikipedia werden. Pressestories sind für die Aktivisten des Onlineenzyklopädie-Ablegers zwar nichts Ungewöhnliches. Die “stern”-Titelstory “Wie gut ist Wikipedia?” (Online-Kurzfassung: hier) brachte allerdings schon etwas mehr als nur die “Jimmy-Wales-Tagebücher”, die Vereinsaktivist Mathias Schindler Tags zuvor flapsig in der Mailingliste angekündigt hatte. Schöne, große Bilder, unter anderem von Jimmy Wales, Achim Raschka und Juliana da Costa-José sowie massig Textvolumen – der Stoff für eine gemütliche Vorweihnachts-Pressebeschau war am Kiosk. Besonderes Highlight: Der “stern” hatte Wikipedia von einem Kölner Wissenschaftsinstitut testen lassen. Ergebnis: ein Ähnliches wie auch in meinem Buch “Wikipedia inside” beschrieben – vielfältige Inhalte, detailhaltige, oft interessante Artikel und weitaus weniger Fehler als angesichts des offenen Prinzips zu erwarten. Daß die freie Online-Enzyklopädie auch ihre Schattenseiten hat, erfuhren die “stern”-Leser leider nicht. Die weniger schöne Enzyklopädiewirklichkeit meldete sich allerdings noch am selben Tag. Katina Schubert, stellvertretende Bundesvorsitzende der Partei Die Linke, kündigte eine Strafanzeige an gegen Wikipedia wegen des Verbreitens verbotener NS-Symbole. Anlass: genau jene üppig illustrierte Artikelstaffel, deren NS-affine Darstellung bereits in diesem Weblog Thema war.
Ein paar Stunden sah es so aus, als drohte den Wikipedia-Verantwortlichen ihre so eisern durchgehaltene Toleranz gegenüber rechtslastigen Artikel-Editoren nunmehr tatsächlich auf die Füße zu fallen. Eine Anzeige wegen rechtsextremer Inhalte, unmittelbar im Anschluß an die “stern”-Geschichte, wäre vermutlich das Letzte an PR gewesen, was die Community-Aktiven mitsamt ihrem Trägerverein, Wikimedia Deutschland e. V., hätten gebrauchen konnten. So jagte in der zweiten Adventswoche 2007 eine hektische Aktivität die nächste. Nachdem die Meldung über die Schubert-Anzeige durch alle relevanten Online- und Print-Medien gegangen war, kam bereits Entwarnung – zumindest für dieses eine Mal. Heiko Hilker, Medienexperte der Linken im Sächsischen Landtag, hielt offensichtlich wenig von Rückendeckung für die Initiative seiner Parteikollegin und erklärte Wikipedia noch am selben Tag lautstark für bedenkenfrei. Die Distanzierung im Wortlaut: “Die Position von Katina Schubert wird weder von mir noch von den medienpolitischen Experten der Bundestagsfraktion geteilt. Ihr Vorgehen, eine Strafanzeige gegen Wikipedia zu stellen, ist falsch und wird das von ihr dargelegte Problem nicht lösen.”
Aus welchen Grunden Hilker zu dieser Einschätzung kam, teilte er nicht mit. Für national befreite Zonen und weitgehend unbehellig bleibende Nazibanden in weiten Landstrichen seines Bundeslandes kann ein Medienexperte der Linken sicher ebenso wenig wie für den weiterhin vor sich hin bruzzelnden sächsischen Unterwelt- & Filz-Skandal, über den noch weniger nach außen dringt. Da Internetanschlüsse sowie standardmäßige TV-Versorgung mittlerweile jedoch selbst ins ehemalige “Tal der Ahnungslosen” vorgedrungen sind, hätte er sich wenigstens informieren können über das tatsächliche Ausmaß der rechtslastigen Interventionsversuche im Web 2.0-Medium Wikipedia. Wie auch immer: Nachdem auch Arne Klempert von Wikimedia Deutschland e. V. die Darstellung von Nazi-Symbolen in Wikipedia bei heise online wortgewandt verteidigte (und sich über den weiteren Inhalt der beanstandeten Beiträge sowie den NS-freundlichen Kontext, der durch die Wort–Bild-Kombination entstanden war, vielsagend ausschwieg), begannen die Aktiven vor Ort, den drohenden Presse-GAU durch tatkräftigen Einsatz abzuwenden.
Bei den wikipedia-internen Aktivitäten gab es unterschiedliche Schauplätze. Inhaltlich am wenigsten her geben die Postings auf der Wikipedia-Deh-Eh-Mailingliste; Herumwitzeleien über “Godwins Law” sowie Schadenfreude aufgrund des Hilker-Statements bestimmten hier das Bild. Die eigentliche Aufräumarbeit spielte sich auf drei Wikipedia-Seiten ab: einer Projektseite für interne Admin-Notizen, im beanstandeten Artikel Hitler-Jugend und schließlich in einem Löschdiskussions-Abschnitt zu ebendiesem Beitrag. Interessant sind die unterschiedlichen Diskussionsverläufe. Während bei den Admin-Notizen der weitere Inner Circle den Ton vorgab und pragmatisch bis grundsätzlich Schaden oder Nicht-Schaden erörterte, begaben sich Tobnu, Jergen, Schlesinger und andere Community-Mitglieder zügig daran, den zum fait accompli gewordenen HJ-Eintrag in eine wirklich (und nicht vorgeblich) neutral-informative Form zu bringen. Zwei Minuten nachdem Tobnu am 6. April um 14:45 einen Löschantrag gestellt hatte, begann Jergen mit dem Entfernen des Wimpel-, Abzeichen- und Hakenkreuz-Bildmaterials. Um 18:45 schließlich nahm Proofreader eine Art Neustart vor und setzte den HJ-Artikel auf eine unverfängliche Version, die vom 24. September 2007, zurück.
Im Endeffekt hat die zielorientierte Vorgehensweise rasch Ergebnisse gebracht. Der von Katina Schubert als Hauptärgerniss genannte Beitrag war bereits am Abend desselben Tages nicht mehr zu beanstanden. Über diese “Grundneutralisierung” hinaus gab es eine Reihe inhaltlicher Ergänzungen, zum Beispiel durch den basischristlich orientierten User Jesusfreund, der den Artikel in den darauffolgenden Wochen durch eine Reihe weniger bekannter Backgroundinfos ergänzte. Last but not least: Verbessert sind in der Zwischenzeit auch ein paar weitere NS-Artikel. Kraft durch Freude fällt positiv auf durch eine neutrale, von Distanz geprägte Darstellungsweise. Im Beitrag Uniformen der SS ist das Bildmaterial nicht mehr so dominant wie zuvor. Spürbar gestrafft ist auch HJ-Fahrtenmesser, ein weiterer schon länger beanstandeter Devotionalienbeitrag. Weiterhin stark von NS-affinen Inhalten geprägt sind hingegen die beiden Wikipedia-Artikel Winterhilfswerk und Goldenes Parteiabzeichen der NSDAP. Beide Artikel zeichnen ein recht unkritisches Bild. Im Beitrag zum Winterhilfswerk ist vor allem das recht aussagekräftig, was alles nicht drin steht; der Abzeichen-Artikel ergeht sich in ebenso aussagekräftigen wie ausführlichen Detailbeschreibungen. In Sachen Picts sind die beiden Beiträge eher mäßig ausgestattet; bei echten Sammlern dürfte jedoch auch Kleinvieh Mist machen. Bezeichnend für die NS-unkritische Ausrichtung der beiden Beiträge ist auch, daß im Parteiabzeichen-Artikel wichtige Fakten mit dem Eintrag “Ehrenzeichen der NSDAP” aus der Brockhaus-Ausgabe von anno 1938 belegt werden.
Fazit: Der Artikelbereich zu diversen NS-Einträgen, der Anfang Dezember noch mit recht fragwürdigen Inhalten aufwartete, mag nun zwar weitgehend sauber dastehen. Richtig Sorgen machen muß man sich allerdings um das Gezetere und Gemeckere, welches die Aufräumarbeiten begleitete. Zwar war sowohl auf der Artikel-Diskussionsseite als auch bei der flankierend aufgesetzten Löschdiskussion unausgesprochen klar, daß es zu dem zielstrebigen Vorgehen der Projektaktiven keine Alternative gab – es sei denn, man wollte den Medien-GAU doch noch riskieren. Nicht wirklich auf die Barrikaden zu gehen hieß allerdings nicht, nicht ausgiebigst über “Zensur” oder vorauseilenden Gehorsam gegenüber angeblichen Linksextremen zu jammern. O-Ton:
“Das ist eine völlige Hysterie auf politischen Druck einer einzelnen verwirrten Person hin.” (Cheftroll)
“Ich bin mir sicher, dass diese Politikerin nicht eine Löschung des RAF-Logos fordern würde. Ist ja von mordenden Extremisten aus der ‘richtigen’ Ecke gewesen.” (EscoBier)
“Nur weil jemand einen Strafanzeige gestellt hat wurde hier der ganze Artikel kaputt gemacht?” (85.180.3.81)
“Die Abbildungen gehören rein. Das Pfui-Argument ist nicht geeignet um eine gute Enzyklpädie zu erstellen.” (Stefanwege)
“Behalten. Dies ist kein Platz für Vorwürfe von Linksextremen. Schließe mich dem Vorschlag, den Antragssteller wegen Mißbrauchs dieser Seite zu verwarnen an.” (Axt)
Die beschriebene Sorte Basis-Statements ist leider kein Einzelfall, sondern hat sich längst als fester Background-Chor in der deutschsprachigen Wikipedia festgesetzt. Eine Entwicklung, die durchaus zur Sorge Anlaß gibt. Grundsätzlich gesehen wäre es nicht schlecht, wenn sich die Projektverantwortlichen ein paar Gedanken machen würden über die Geister, die sie sich mit ihrem regelfetischistischen und politisch wertbefreiten Führungsstil ins Boot geholt haben. Lehren sollte das Fast-Nazidesaster eines: Natürlich gehören Menschenrechte sowie Abgrenzung von NS-Inhalten unabdingbar in die Charta einer gemeinnützigen Nichtregierungsorganisation, als die sich Wikipedia weiterhin sehen will. Ebenso gehören gewisse ethische Grundstandards auch zum Arbeits- und Führungsstil. Eine Parallelität liegt auf der Hand: Blinder Gehorsam und Diskussionsverbote erzeugen über kurz oder lang recht zielsicher jenes Klima, das nötig ist, damit die aufklärungsfeindlichen Enzyklopädie-Hijacker ihre Inhalte erfolgreich unterbringen können. Eine Reihe ernsthafter Autorinnen und Autoren hat das Projekt bereits verlassen. Ein Teil der braunlastigen Wikipedia-Einträge ist nunmehr aufgeräumt, immerhin. Die Arbeit der einzelnen Beteiligten soll an dieser Stelle nicht herabgewürdigt werden. Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings, daß hierfür ein entschiedener Anstoß von außen vonnöten war. Anzeigendrohungen mögen in den Augen einiger Wikipedia-”Freidenker” einen unfeinen, proletarischen Geschmack haben. Im Endeffekt hat es die stellvertretende Vorsitzende der Linken allerdings geschafft, als sogenannte Information deklarierten Nazi-Internetmüll erfolgreich abzuschießen. In diesem Sinn: Danke, Katina Schubert!
Günter Schuler

Am 25. Januar 2008 um 17:13 Uhr
Das Datum in der ersten Zeile sollte vermutlich der 6. Dezember 2007 sein, oder?
Vielen Dank für den Hinweis. Wurde korrigiert. -Gs.
Am 25. Januar 2008 um 20:43 Uhr
Arne Klempert vom “Trägerverein” hätte sich vorher mit den Autor_innen unterhalten sollen, die es ständig mit Rechtsextremisten und Militaria-Fetischisten zu tun haben. Seinen Alleingang verstehe ich nicht. Ob Anzeige oder deutliche Worte, ein kritischer Blick der Leser_innen und die Kritik von außen ist für das Projekt ein wichtiges Regulativ.
Am 25. Januar 2008 um 22:48 Uhr
Für’s erste schon mal ganz schön, das ist ein Erfolg und zeigt, wie wichtig die Kontrolle ist. Das ZTurückziehen ist auch etwas bedauerlich.
Im Grunde löst das das Problem nämlich nicht ganz, denn es ist wohl kaum durch die Ausnahmen § 86, Absatz 3 StGB gedeckt, dass man frei skalierbare Vektorgrafiken dieses Typs (z.B. Hakenkreuzflagge) ohne Begrenzten Zugang zum Download (für nicht kontrollierbare Zwecke) bereitstellt. Dass diese Möglichkeit der rechtlich bedenklichen oder gar strafbaren Verwendung nicht ausgeschlossen werden kann, sollte zumindestens als Problem anerkannt werden, wird aber anscheinend noch auf ein rein rechtlichen Aspekt reduziert. Siehe auch hier .
Am 31. Januar 2008 um 20:40 Uhr
Schade, dass Katina Schubert die Anzeige zurückgezogen hat. Eine wirkliche juristische Auseinandersetzung wäre vielleicht ein heilsamer Schock für die Wikipedia gewesen und das zum Himmel schreiende gleichgültige Verhalten der Admins (“NPOV”, “einigt euch”) hätte vielleicht einen Dämpfer erhalten. Ich hoffe, dass irgendwann nochmals ein prominentes Mitglied der politischen Klasse solch einen Schritt wagt und diesen dann auch durchzieht.
Am 1. Februar 2008 um 20:49 Uhr
Na ja, dass Wikipedia nicht mehr ein reines Wellness-Thema ist, dürfte ja langsam allen Autoren, Lizenzgebern, Usern … wie auch immer wir uns da nennen und allen Medienleuten mit Einblick klar sein. Zumindest Stern auf- und abwärts. Das Projekt ist an einem neuen Punkt. Gesättigt. Keine Euphorie mehr. Stattdessen Aktivismus ohne Plan und mit wenig Phantasie. Da kommen Blog und Buch gerade recht und es wundert nicht, dass es angefeindet wird. Es wird weitere Blogs geben und die Presse wird auch kritischer werden. Aus die Zeit, wo sich gedankenlos über Opa’s Grundschule und die Vorstadt eine Enzyklopädie schrieben ließ. Gebraucht werden jetzt Wissenschaftler, Fachleute. Und in Bereichen, wo sich der braune Sumpf die Räume schnappt, da braucht es Leute, die es auch in ihrer beruflichen und politischen Arbeit geschafft haben, mit den Strategen von Rechts umzugehen. Aber von denen wird sich kaum einer den hilflosen Umgang von Admins zumuten, die den Themen nicht gewachsen sind und sich noch immer für die Alleskönner halten. Die Enttäuschung ist dann einfach zu groß, wenn da jemand den großen Macker raushängen lässt, aber so Glückskeksweisheiten von sich gibt, wie “Hier ist jeder ersetzbar”. Da sagt der Interessierte doch gleich: na dann …
Am 31. Juli 2008 um 03:10 Uhr
Mein Opa, seines Zeichens Mitglied der “Linken”, hat Frau Schubert bei der Liebknecht-Luxemburg-Demonstration dieses Jahres getroffen. Er hat sie angesprochen – aber sie wollte nicht mehr so recht darüber reden, weil es ihr zu peinlich war, was sie da gemacht hat…
Am 31. Juli 2008 um 12:04 Uhr
Mir reicht schon, was ich von Marcus Cyron und und vielen anderen überforderten so genannten Wikipedia-Administratoren gelesen habe, die den Nazis Tür und Tor – nicht erst seit den Burschenschaftern – öffnen. Sozialistischer Realismus ist jenes Lob, das die Regierung – aeh Wikipedia-Administration – gerade noch versteht. In der Wikipedia nennt sich Sozialistischer Realismus auch Assume Good Faith. Thomas7