Zoff um Zedler
Im August 2007 vergab Wikimedia Deutschland e. V. zusammen mit der Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur sowie dem Fachzeitschriftenverlag “Spektrum der Wissenschaft” den mit 3000 Euro dotierten Zedler-Preis für einen herausragenden Wikipedia-Beitrag zu einem geisteswissenschaftlichen Thema. Die aus Wissenschaftlern zusammengesetzte Jury vergab die Auszeichnung an den Literaturübersetzer Josef Winiger, 63, und seinen Wikipedia-Beitrag über den Philosophen Ludwig Feuerbach. Da Autor Winiger bereits eine Biografie zu Feuerbach publiziert hatte, hinterließ die Veranstaltung ein recht positives Medienecho. Dies könnte sich möglicherweise noch ändern. Knapp vier Monate nach dem Ereignis nämlich ist zwischen Community- und Vereins-Aktiven Zoff entbrannt um die Hinterlassenschaften der Veranstaltung. Nach Meinung einiger Kritiker aus der Community wurden diese nämlich nicht vollständig und nicht termingerecht in die freie Enzyklopädie eingepflegt. Frage: Gab es realen Anlaß für den Streit, oder handelte es sich lediglich um einen der vielen wikipedianischen Stürme im Wasserglas?
Es kommt darauf an, wie man es sieht. Wie so oft bei Wikipedia sorgte eine kleine, unbedeutende Geschichte schließlich für einigermaßen ordentlichen Wellengang. Der Anlaß war banal. Auf der Diskussionsseite zum Beitrag “Zedler-Medaille” war unter anderem die Frage aufgetaucht, ob und wann die noch nicht in Wikipedia eingestellten Beitragskandidaten ebenfalls eingestellt werden. Markus Mueller, ein Wikipedianer aus der Vorstandsriege des Trägervereins, hatte den Job, die restlichen Beiträge zu wikifizieren, übernommen, in der Folge dann allerdings Probleme gekriegt mit dem zugesagten Termin. Da Mueller durchaus bereit war, über die Angelegenheit zu kommunizieren und Terminprobleme auch im professionellen Medienbetrieb keine Seltenheit sind, bestand für Aufregung also wenig Anlaß. Man hätte sich einfach auf eine neue Deadline verständigen und im Anschluß weiter den vorweihnachtlichen Einkäufen widmen können.
Dafür, den Ball flach zu halten, sprach auch die Nachrangigkeit der Angelegenheit. Über 80 Prozent der Beitragskandidaten waren bereits in die freie Enzyklopädie eingepflegt; dringlich vermissen wird den Rest wohl kaum jemand. Da Wikipedia jedoch anders als professionelle Medien Autoren im Überfluß hat, dürfen dort auch die Maßstäbe entsprechend streng ausfallen. Nachdem der terminsäumige Mueller sich in der Folge zu Äußerungen hinreißen ließ über einige aus seiner Sicht eher negative Folgeerscheinungen der Wikipedia-Basisdemokratie, war das Maß voll. Die Auseinandersetzung schwappte auf die beiden Mailinglisten über, wo sich nun vereinsunabhängige Community-Aktivisten und vereinsnahe Wikipedianer ein paar Tage lang weiter beharkten. Weiterer Verlauf: unklar. Da nämlich laut Posting eines Teilnehmers bereits Pressevertreter wegen der Sache nachgefragt hatten, könnte der Sturm im Wasserglas eventuell noch zu einer kleinen Vorweihnachts-Mediengeschichte führen.
Nicht ausgeschlossen also, daß Spiegel Online oder ein anderes Medium demnächst auch User Azog, laut Eigenklassifizierung ein “Ork von mäßigem Verstande”, zitieren wird. Die frei flottierenden Mutmaßungen aus dem Universum von Mittelerde: Die 3000 Euro Kohle für so viel lesenswerte und exzellente Artikel wären im Grunde ein Klickerbeitrag. Sonderbar an diesem Statement der Community-Basis sind zwei Aspekte: Zum einen, daß Azog die Leistung, die er anspricht, offensichtlich sich selbst sowie anderen Usern seines Kalibers zuschreibt. Zum zweiten die Annahme, daß das Preisgeld in den Taschen von Wikipedia gelandet sei. Da das Forum derartiger Delikatessen ebenfalls Wikipedia ist, muß man vielleicht etwas Aufklärung betreiben. Zum einen über die Tatsache, daß Preissponsoren gemeinhin lediglich den Ruhm und den guten Ruf ernten; alles andere wäre im Metier kontraproduktiv bis tödlich. Richtigstellen muß man, da der Verdacht nunmehr im Raum steht, schließlich ein weiteres kleines Detail: Das Geld für die Auszeichnung ist mitnichten der Community zugeflossen. Wie bei jeder anderen Preisverleihung auch, bekam Medaille und Geld selbstverständlich der, der auch die Leistung erbracht hatte: Beitragsautor Josef Winiger.
Fazit: Wikimedia Deutschland hat sich – auch wenn einige Community-Mitglieder derzeit eifrig bemüht sind, die Lobbyarbeit des Vereins mit dem Hintern wieder einzureißen – bei der Ausrichtung des Wettbewerbs korrekt verhalten. Was die anvisierte Autorenklientel aus den Wissenschaften angeht, kann der Verein – sofern nicht doch noch ein paar Blindgänger aus dem Pressewald kommen – die Zedler-Preisverleihung weiter als Erfolg auswerten. Für eine gewisse “creditibility” im Wissenschaftsbetrieb hat die Veranstaltung sicherlich gesorgt; eine Wiederholung im Bereich der Naturwissenschaften für 2008 steht, wie zu vernehmen, in Aussicht. Ob das ausreicht, wird die Zukunft zeigen. Sollten es Community und Verein in den folgenden Monaten gemeinsam schaffen, die ausufernden Umgangsformen, die regulierungsgeile Chatmob-Fraktion sowie den Bodensatz braun angefärbter und/oder militärverherrlichender Artikelbereiche in den Griff zu kriegen, bestünde – den vorweihnachtlichen Stürmen im Wasserglas zum Trotz – keine geringe Wahrscheinlichkeit, daß das Signal auch von weiteren seriös arbeitenden Autor(inn)en früher oder später aufgegriffen wird.
Günter Schuler
