Wikipedia-Begeisterung flacht ab
Sind die fetten Jahre für Wikipedia vorbei? Eine von einem US-amerikanischen Physikstudenten ausgeführte Erhebung erhärtet diesen Eindruck. Seit Januar 2007, so Robert Rohde von der University of California in Berkeley, stagniere das Wachstum von Wikipedia erstmals über einen längeren Zeitpunkt. Die Zahlen von Rohde, basierend auf der Auswertung von über 100000 Beiträgen der englischsprachigen Ausgabe inklusive der Logfiles, konstatieren Stagnation gleich auf mehreren Gebieten: der Anzahl der User-Neuanmeldungen, der Anzahl der Artikelbearbeitungen pro Tag und schließlich der abnehmenden Anzahl zusätzlich upgeloadeter Medien wie zum Beispiel Bilder oder Tondateien. Steigerungen machte Rohde lediglich in einem Segment aus: der Anzahl der Artikelreverts, welche mittlerweile ein Fünftel aller Bearbeitungen ausmachen.
Die auf Rohdes Userseite publizierten Kurvendiagramme sprechen eine eindeutige Sprache. Das Abflachen der Wachstumskurve, dessen Eintreffen realistisch denkende Projektaktive früher oder später für unvermeidlich hielten, scheint langsam Wirklichkeit zu werden. Doch was sind die Gründe? Die Möglichkeit, daß einige der Ursachen hausgemacht sind, wird nicht nur innerhalb der angelsächsischen Wikipedia-Gemeinde eifrig diskutiert. Unter der Überschrift “Wikipedia-Leidenschaft kühlt ab” berichtete am 12. Oktober auch die Online-Ausgabe des Spiegel über die allmählich sichtbar werdenden Stagnationstendenzen. Fünf Tage später folgte die Welt (”Wikipedia stagniert“). Beide Medien versäumten es nicht, ihren Lesern ein weiteres pikantes Detail zu berichten: Die sonst so akribisch Auskunft gebenden Projektstatistiken enthalten für die beiden größten Ableger, die englisch- und die deutschsprachige Ausgabe, lediglich Angaben bis zur Jahresmitte 2007. Grund für dieses Manko, laut Angaben von Wikipedia: ein technisches Problem.
Ob mit oder ohne interne Statistik: In der angelsächsischen Ausgabe des Lexikons führten die von Rohde ermittelten Zahlen zu kontroversen Diskussionen. Nachdem einige Projektaktivisten in der Mailingliste der englischsprachigen Wikipedia Rohdes Untersuchung als “Schwachsinn” und “Beleidigung für unsere Intelligenz” abqualifizierten, meldeten sich auch nachdenklichere Stimmen zu Wort. Andrew Lih, Medienwissenschaftler und Administrator bei en:Wikipedia, charakterisierte die neue Situation als “Plateau”, auf dem es sich nun einzurichten gelte. Konkreter ins Detail ging sein britischer Kollege Andrew Gray. Bezugnehmend auf die rund zwei Millionen bereits vorhandener Einträge konstatierte er lapidar: “Die niedrig hängenden Früchte sind gepflückt.” Allerdings sah Gray auch eine Reihe hausgemachter Mankos: eine oft dysfunktional agierende Community, das im Jahr 2006 gekippte Arbeitsklima sowie Sturheit beim Durchsetzen der immer zahlreicheren Richtlinien.
Zwar liefert Rohdes Studie nur für die angelsächsische Wikipedia konkrete Zahlen. Daß der Trend über kurz oder lang auf weitere Sprachausgaben übergreift, gilt allerdings als ausgemacht. Sind die Themenfelder langsam abgegrast? Oder hängt die abnehmende Begeisterung mit der Regulierungswut der Projektadmins zusammen? Eine weitere Erhebung, durchgeführt von dem Linzer Soziologiestudenten Klemens Auinger im Frühjahr 2007, legt eher die zweite Sichtweise nahe. Auingers Untersuchungsergebnisse, publiziert in der Mai-Ausgabe der Fachzeitschrift Public Observer und gedacht als stichprobenartiger Vorlauf für eine noch vorzunehmende ausführlichere Analyse, kommt zu zwei Ergebnissen: a) daß der Sammelmodus (= neue Artikel sind grundsätzlich willkommen) mittlerweile in einen Beschützermodus (= neue Artikel werden mehr oder weniger argwöhnisch beäugt) umgeschlagen ist, b) daß die Artikelselektionen bei Neuzugängen wissenschaftlichen Kriterien nicht genügen.
Eine recht zurückhaltende Diagnose eigentlich. Basis von Auingers Befund waren zwei Untersuchungen: ein probeweise eingestellter neuer Artikel und die Auswertung der Löschdiskussion eines zufällig ausgewählten Tages. Die erste Beitragsversion des Probeartikels, testweise versehen mit einem nicht regelkonformen Link im Haupttext, wurde mit dem lapidaren Kommentar “Linkspam” gelöscht. Ein zweiter Versuch scheiterte an der verräterischen Formulierung “dieses kleine Projekt”. Löschgrund diesmal: “erkennbare Irrelevanz”. Auingers Nachfrage brachte allerdings zutage, daß der Relevanzüberprüfung lediglich ein einfacher Google-Suchdurchlauf zugrunde lag. Frage: Was ist mit Sachbeiträgen, deren Relevanz sich mit Internet-Suchmaschinen nicht herausfinden läßt? Einen wenig vertrauenserweckenden Eindruck machte auf den österreichischen Soziologen auch die zusätzlich ausgewertete Löschdiskussion. Auingers Befund: viel Pauschalverdächtigungen und unqualifizierte Kommentare. Das Fazit seiner Veröffentlichung: “Beim Verhalten Einzelner ist klar ein soziales Agieren erkennbar, mit allen möglichen Schwächen und Stärken. Aus momentaner Sicht sind die Privilegien der AdministratorInnen in Relation zur Kompetenz ungünstig verteilt. An diesem Punkt ist für die Zukunft noch vieles zu regeln.”
Daß für die Zukunft noch vieles zu regeln ist, zeigten dann vor allem die Reaktionen einiger Projektaktiver. Die Tatsache, daß Auinger für seine Vorerhebung einen Useraccount angelegt hatte und im Verlauf des Oktobers zudem Gesprächsbereitschaft bekundete, nahm eine Reihe von Community-Aktivisten zum Anlaß, mit hochtrabenden Belehrungen und wüsten Attacken über ihn herzufallen. Zwar boten weder die Vorerhebung noch Auinger selbst Grund, sich derart zu echauffieren: Der Spruch, daß die Adminpedia das Wissen der Menschheit löscht, ziert mittlerweile durchaus auch Administratoren-Userseiten. Auch in ernsthaften Projektdiskussionen ist die Tatsache, daß manchmal zu voreilig gelöscht wird, so gut wie unumstritten. Allerdings: Interne Kritik ist eine Sache. Wer mit seiner Kritik jedoch an die Öffentlichkeit geht, gilt großen Teilen der Community nach wie vor als Verräter und Nestbeschmutzer. Bemerkenswert an den Attacken auf Klemens Auinger war ein weiterer altbekannter Mechanismus: daß die strengen Höflichkeitsetikette wieder einmal einseitig außer Kraft gesetzt waren und sich der Volkszorn so ungehindert austoben durfte. Hier ein paar O-Töne von der Projektseite Administratoren/Notizen – inklusive Rechtschreibfehler, die angesichts der gerechten Sache natürlich erlaubt sind:
“Gibbet doch zu, Ihr Soziologen betreibt alle eure Forschungen so und die restlichen 23 Stunden am Tag gibbet Wein, Weib ung Jesang.” (Syrcro)
“Ich halte es für Vandamlismus oder zumindest Missbrauch der Wikipedia, Artikel einfach zu ‘Testzwecken’ einzustellen, ohne die Absicht, wirklich mithelfen zu wollen.” (ChaDDy)
“Auinger ist keiner von uns und wird auch nie einer. Schmeißt ihn raus, bevor er uns ins Nest kackt!” Und, einige Absätze später: “Du hast schlechte Absichten, kannst nicht schreiben, gehst unwissenschaftlich vor und benimmst dich in WP auf die typische Weise des missverstandenen und gekränkten Artikeleinstellers, dessen Bullshit gelöscht werden musste, weil er zur Verschlechterung beitrug. Nun erscheinst du hier zeitlich genau passend zur Entdeckung deiner Schmiererei und versuchst als Magister in Soziologie zu refererieren, der, nebenbei bemerkt, hier so viel wert ist wie ne kopierte monobook.js oder ein Erstehilfe-Schein im Medizinstudium. Für wie blöd hälst du uns eigentlich? Meinst du, wir gehen hier jahrelang durch Grabenkämpfe und Rhetorik-Hölle, um dann nicht zu merken, wenn eine fachliche Pfeiffe auftaucht?” (212.23.126.17)
Der Vorwurf an Auinger also: er habe nicht “mitgeholfen”; seinen Artikel sogar mit schlechten Absichten eingestellt. (Womit wohl die Untersuchungsabsicht gemeint war. Wohlgemerkt: es handelte sich nicht um einen Fake-Artikel, sondern lediglich einen Beitrag mit grenzwertiger Relevanz.) Perfide – so unangenehm es für den Betroffenen auch sein mag – sind hier weniger die Angriffe selbst (die oft unter die Gürtellinie zielen und erkennbar auf persönliches Verletzen ausgelegt sind) als vielmehr die Konstellation als solche. Und die folgt einem recht festgelegten, in Wikipedia mittlerweile etabliertem Muster. Hat sich eine Gruppe einflußreicher Aktiver erst einmal auf einen bestimmten User eingeschossen, bleiben diesem im Rahmen solcher Interaktionen wenig Möglichkeiten, angemessen zu reagieren. Während sich die “Gegenseite” kaum Beschränkungen in der Wortwahl auferlegen muß und munter loslegen kann, ist für die Opfer – da passen einige Wikipedia-Admins dann recht wachsam auf – der Spielraum für die Wahl angemessener Entgegnungen äußerst schmal. Die schlechten Alternativen: entweder klein beigeben (und sich entsprechend mies fühlen) oder Gegenwehr. Da bei letzterer natürlich jedes Wörtlein penibel auf die Goldwaage gelegt wird, enden derartige Auseinandersetzungen sehr oft mit einer zeitweiligen oder sogar unbefristeten Benutzersperre. Das Grundproblem: Mittlerweile gehören derartige Interaktionen zwischen “oben” und “unten” zum festen Verhaltensrepertoire innerhalb der Online-Enzyklopädie. Eine Tatsache, die sich rumspricht. Nicht umsonst hat das freie Lexikon unter kritischen Netzusern längst einen zweiten Namen, Synonym für die unkontrollierte Macht der Projektadministratoren: Adminpedia.
Daß der Internet-Enzyklopädie angesichts derartiger Umgangsformen langsam die Autor(inn)en abhanden kommen, verwundert im Grunde wenig. Eine Reihe mehr oder weniger altgedienter Aktiver hat im Verlauf des zweiten Halbjahrs 2007 seine Mitarbeit eingestellt oder zumindest zeitweilig auf Eis gelegt (zwei Abschiedsstatements: hier und hier). Der presseerfahrene Alt-Aktivist Matthias Schindler macht nichtsdestotrotz weiter in Zweckoptimismus. In dem oben aufgeführten Spiegel Online-Artikel nannte er die Aufgabe, “Menschen zu finden und dauerhaft zu motivieren, ihre speziellen Fähigkeiten Wikipedia zur Verfügung zu stellen”, als eine der wichtigsten für die Zukunft. Chronisch mißtrauische Lösch-Admins, ein polizeirevierähnlicher Corpsgeist, Transparenz auf Behördenniveau und Umgangsformen, angesichts derer sich normalen Menschen die Fußnägel rollen: In der Summe dürften diese Erscheinungsformen allerdings wenig geeignet sein, kompetente Autor(inn)en zu finden und dauerhaft zu binden.
Was tun? Optional gibt es zwar recht unterschiedliche Stellschrauben. Neben den Optionen noch mehr Regelwerk sowie noch mehr “Durchgreifen” (zwangsläufig verbunden natürlich mit einer Drosselung des quantitativen Artikelwuchses), bestünde grundsätzlich auch die Möglichkeit einer verbesserten Autorenpflege. Da die Ära, in der die Kombination Wissen plus Internet allein bereits “sexy” war, anscheinend dem Ende zugeht, hieße letzteres allerdings, die Mitarbeit substanziell attraktiver zu gestalten. Vom quantitativen Wachstumsanstieg der letzten Jahre beeindruckt, wiegen sich viele Aktive allerdings immer noch in der trügerischen Gewißheit, Wikipedia verfüge mittlerweile über genug kompetente Schreiber. Eine Annahme allerdings, die sich schnell als Bumerang erweisen kann – dann nämlich, wenn immer mehr Beiträge auf einem alten, inaktuellen Stand verwaisen, weil die ursprünglichen Autoren Wikipedia den Rücken gekehrt haben.
Nicht wenige Kritiker unterstellen den deutschsprachigen Wikipedia-Aktiven ohnehin, das Lexikon am liebsten mit einem überschaubaren Aktivistenkern allein weiterbetreiben zu wollen. Da auch dies sicherlich eine mögliche Option ist, hieße das fast zwangsläufig, den Artikelbestand auf ein überschaubares Maß einzudampfen. 100000 Einträge etwa wären für einen Aktivistenkern von 200 bis 500 Leuten sicherlich überschaubar und ergo “machbar”. Angesichts der kommerziellen Konkurrenz wie zum Beispiel dem Brockhaus, der mehr als 300000 Begriffe im Repertoire hat (ein Großteil davon ebenfalls online), käme das allerdings einer Kapitulation gleich. Fazit: Trotz gutgemeinter Initiativen wie Zedler-Medaille, Kooperation mit dem BUND und Mentorenprogramm wird Wikipedia nur dann langfristig Autor(inn)en akquirieren und binden können, wenn sich die derzeitigen Projektbedingungen grundlegend zum Besseren wenden.
Günter Schuler

Am 1. Dezember 2007 um 19:09 Uhr
Das die Statistiken nicht verfügbar sind ist ärgerlich. Aber bei über 50.000 Zugriffen je Sekunde gibt es anderes zu tun als die Statistikfreaks zu befriedigen. Und im Gegensatz zu ebay, amazon, facebook etc. bekommst du hier Zahlen.
Aber bei deiner Einstellung unterstellst du ja sowieso, dass diese manipuliert sind.
Am 6. Dezember 2007 um 23:59 Uhr
Vielen Dank für die Beiträge hier. Ich habe einen ähnlichen Eindruck von Wikipedia. Dort nimmt dieser billige kleinbürgerliche Geist überhand…
Am 11. Dezember 2007 um 01:51 Uhr
Das ist eine exakte Wiederspiegelung vom Dilettantismus, zu dem Wikipedia wohl oder wehe abdriftet. Und eine Revolution ist angesichts der restriktiven Möglichkeiten der Admins, Kritik sofort zu unterbinden, nicht in Sicht.