Presse-Reaktionen auf “Wikipedia inside”

Welche Resonanzen hat “Wikipeda inside” hervorgerufen? Die Buch-Rezensionen der Wikipedia-Aktiven Poupou l’qourouce und Klaus Graf (siehe auch Blog-Beitrag “Community-Reaktionen auf “Wikipedia inside”) steckten bereits recht früh das Spektrum der Reaktionen aus dem unmittelbaren Wikipedia-Umfeld ab. Während einige der im Buch Genannten es vorzogen, verschnupft oder gar beleidigt zu reagieren, griffen andere Aktive die im Buch dargestellten Kritikpunkte durchaus auf. Hinter den Kulissen – sprich: auf diversen Projektseiten und nicht zuletzt auch in Kommentaren auf diesem Weblog – halten die Diskussion unvermindert an. Was rechtslastige Inhalte angeht, Antidiskriminierungsetikette, Erweiterung der NPOV um den Punkt Menschenrechtscarta oder auch Admins, die sich lieber an Dirty Harry als an Diderot orientieren, besteht offensichtlich Diskussionsbedarf. Wie sieht es jedoch mit der Außenwirkung aus? Was tat sich in der etablierten Presse? Wie war dort die Resonanz auf “Wikipedia inside”?

Der bisherige Zwischenstand ist ermutigend. Die Beschreibung diverser Defizite in “Wikipedia inside” wurde von einigen Medien zügig aufgegriffen. Aufzuführen ist hier zunächst die Monatszeitschrift konkret. Die Novembernummer enthielt in der Rubrik “hier konkret” ein einseitiges Interview mit dem Buchautor. Vorherrschendes Thema: der rechte Rand in Wikipedia und die in den Schoß gelegten Hände maßgeblicher Projektadministratoren. Auf die Thematik “Rechte in der Wikipedia” stiegen darüber hinaus einige weitere Medien ein. Ein zweites Interview erschien am 24. November im Neuen Deutschland. Desweiteren griffen die Thematik auch einige Online-Medien auf. Den Schwerpunkt auf dieselbe Problematik legte ein drittes Interview, welches auf npd.blog, auf mut-gegen-rechte-gewalt und bei zuender.zeit.de, einem Online-Magazin der Zeit, erschien.

Wie ist die bisherige Resonanz zu bewerten? Sicherlich ist es auffällig, daß – von zuender.zeit einmal abgesehen – vor allem solche Medien auf die Buchinhalte eingestiegen sind, die gemeinhin eher dem linken Spektrum zugeordnet werden. Für manchen Wikipedia-Aktivisten sicherlich ein willkommener Anlaß, Kritik am Projekt nach gehabter Manier abzubügeln – oder, was mittlerweile leider ebenfalls gängiger Usus ist, via Benutzersperre zu ahnden. Andererseits bestünde durchaus Grund, die Nennung einiger Enzyklopädiedefizite inhaltlich ernstzunehmen. Auch die etablierte Presse hat sich auf die diversen Mankos in der deutschsprachigen Wikipedia mittlerweile recht zielgenau eingeschossen. Zwar steht die “Fehlerfrage” sowie die mangelnde Effizienz des Freiwilligenprojekts dort weiterhin im Mittelpunkt der Berichterstattung. Daß es im Gebälk der Online-Enzyklopädie mittlerweile auch strukturell ordentlich knirscht, hat man indes auch bei Spiegel, Stern & Co. durchaus registriert. Aussichten, die für die Projektverantwortlichen alles andere als rosig sind: Mittelfristig nämlich dürfte sich für die Etablierten insbesondere das Thema Stagnation zu einem gefundenen Aufreißer entwickeln.

Auf Dauer werden auch die zahlreichen rechts eingefärbten Artikelinhalte nicht der Aufmerksamkeit der Presse entgehen. Wäre der Anlaß nicht so unerfreulich, könnte man sagen: Gar kein so schlechtes Zwischenergebnis für einen medien- wie sozialkritischen Web 2.0-Titel. Zwar hätte ein “Wohlfühlbuch” – am besten erschienen bereits ein Jahr früher, auf dem Höhepunkt des Presserummels rund um Wikipedia – möglicherweise mehr wohlwollende Resonanz erzielt bei der Mainstream-Presse, als dies bei “Wikipedia inside” bislang der Fall ist. Allerdings: Resonanz ist im Geschäft mit den zu verkaufenden Nachrichten ein vergängliches Gut. Wikipedia hatte 2006 sein mediales Hoch. 2007 stürzten sich die professionellen Web 2.0-Berichterstatter kopfüber in die virtuellen Welten von Second Life. 2008? Möglich, daß Wikipedia eine zweite Konjunktur bekommt – allerdings wohl eher als Problemkind denn als Hoffnungsträger. Sollte sich “Wikipedia inside” rückblickend gesehen als Frühwarnsystem erweisen für die virulenten Probleme der Online-Enzyklopädie, wäre das keine schlechte Entwicklung für ein medienkritisches Buch.

Günter Schuler

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