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Popmusik vs. Film: Vielfalt kontra Wikiideologie

Nicht wenige Internet-User zweifeln zwar die Qualität und Richtigkeit der Beiträge in Wikipedia an. Eines gestehen der Online-Enzyklopädie allerdings selbst die schlimmsten Neider zu: Bei den sogenannten “Kampfstern Galactica-Themen” – also bei weichen Sachgenres wie Computer-, Trash- und Popkultur – ist die Informationsfülle von Wikipedia kaum zu toppen. Zwar findet man auch in diesen Themenbereichen die obligatorischen Qualitätsunterschiede. Bemerkenswerterweise sind diese jedoch sehr ungleich verteilt: Je nach Kompetenz und Anzahl der festen Autor(inn)en präsentiert sich Genre Nummer eins in Topform, Genre Nummer zwei hingegen als Großbaustelle. Nicht immer läßt sich diese Differenz mit unterschiedlich starken Autoren-Bataillonen begründen. Manche Katastrophen sind hausgemacht. Dieser Beitrag vergleicht einen Idealfall – die schon heute eine fachlich versierte Poplexikonreihe abgebenden Einträge im Bereich Pop & Rock – mit einer dieser Katastrophen: dem Genre Film, daß aufgrund einer weltfremden, überdrehten Wikipedia-Ideologie weitgehend in den Keller geschrieben ist.

Popmusik sells. Sucht man ein x-beliebiges Thema aus dem Bereich Pop & Rock, wird man auch von der deutschsprachigen Wikipedia nur selten enttäuscht. Ob ABBA oder Abi Ofarim, ob eine Alternative Country-Band wie Hazeldine, die deutsche Politpunktruppe Heiter Bis Wolkig oder oder die britische Sixties-Popatrice Helen Shapiro: Die Einträge in der deutschsprachigen Wikipedia sind längst nicht immer umfangreich. Allerdings liefern sie in den meisten Fällen zielsicher und prägnant die Information, die man benötigt. Selbst zu einem recht abseitigen Special wie den US-amerikanischen Songwriter und Folksänger Chris Smither findet man in der freien Enzyklopädie Infos – im konkreten Fall zwar nicht in der deutschen, dafür jedoch in der englischsprachigen Ausgabe. Ob Gothic, Punk, Techno oder einfach Rock: Auch die Genre-Leitartikel präsentieren sich informativ und mit viel Liebe zum Detail. Dasselbe gilt für die thematisch benachbarten Beiträge zu den jeweiligen Jugendsubkulturen. Insgesamt gilt: Vielfalt bestimmt auf weiter Flur das Terrain – ein Bild, daß sich auch auf den entsprechenden Portalseiten fortsetzt: Neben einem Portal für Rockmusik gibt es eines für Punk, eines für Hip Hop, eines für Techno, eines für Dark Wave und eines für die Liebhaber des Blues.

Anders als die Populärmusiksparten kommt das Genre Film mit einem einzigen Portal aus. Das muß allein noch nichts bedeuten. Möchte man sich als Wikipedia-Konsument(in) indes informieren, was heute abend im Kino läuft (oder was andere zum Inhalt der DVD meinen, die man sich für den gemütlichen Abend zuhaus ausgeliehen hat), packt einen das nackte Grauen. “Boah, ey – die verraten ja voll den Schluß!” So oder so ähnlich wird mancher Kommentar lauten von Internetsurfern, die sich in Wikipedia über einen Film informieren wollen. Zugegeben – als komplette Spaßbremse erweist sich Wikipedia nicht bei jeder Filmbeschreibung. Allerdings: die Chance, die komplette Handlung inklusive Schluß aufs Brot geschmiert zu bekommen, steht ungefähr bei fifty-fifty. Recht freizügig in Sachen Handlungsdetails ist etwa der Artikel zu der im Oktober 2007 in den Kinos laufenden US-Komödie Beim ersten Mal. Noch stärker ins Detail geht die Handlungsbeschreibung des aktuellen Harry-Potter-Films; denselben schlechten Stil einer Nacherzählung offeriert der Eintrag zu dem Thriller Die Fremde in dir. Einen angemessenen Raum für Neugierde des Zuschauers läßt lediglich Testkandidat Nummer vier: Auf der anderen Seite, der ebenfalls im Herbst 2007 angelaufene Film von Fatih Akin.

Besonders unbedarfte Nacherzählungsaufsätze bieten derzeit die Einträge zu den Filmen des Kultregisseurs Quentin Tarantino. Von Handlungsnacherzählung “pur” geprägt sind darüber hinaus vor allem Filmartikel in den Sparten Horror, Thriller und Action. Woher kommt diese seltsam-amateurhafte Herangehensweise, die so weder in Filmlexika noch in etablierten Universalenzyklopädien zu finden ist? Die ehrliche Antwort lautet: Weil die maßgeblichen Wikipedia-Filmleute bereits sehr früh die entsprechenden Weichen legten. Gegen das Argument der “vollen Information” zogen die Kritiker dieser Praxis in den entsprechenden Diskussionen und Abstimmungen stets den Kürzeren. Das simpel gestrickte Standardargument der Mehrheit: “Weil Wikipedia eine Enzyklopädie ist und nicht irgendein Forum, eine Zeitschrift oder Sendung.” – so ein Filmportal-Aktiver mit dem Pseudonym sd5 im Rahmen einer allgemeinen Anfrage zur Handhabung der Filminhalte im Juli 2005.

Daß Info-Schnipsel in Wikipedia chronisch mit Wissen verwechselt werden, zeigt sich in anderen Themenfeldern ebenso. Blutige Nasen ein fingen sich die Gegner kompletter Handlungen auch bei Versuchen, zumindest die Folgen dieses ungehemmten Mitteilungsbedürfnisses abzumildern. Initiativen, kompromisshalber zumindest Spoiler-Warnungen einzuführen (Hinweise, daß im folgenden Absatz möglicherweise ungewünschte Informationen lauern), wurden von der Mehrheit ebenfalls erfolgreich abgebügelt. Verschärft wird die Film-Malaise durch ein weiteres Versatzstück aus der Wikipedia-Ideologieküche: dem Verbot sogenannter “Theoriefindung”. Vor allem die Autor(inn)en im Genre Film sind verstärkt dazu angehalten, selbsttätiges Einordnen von Fakten sowie das Ziehen von Schlüssen – Tätigkeiten also, die zum Grundinstrumentarium professionellen Schreibens gehören – tunlichst zu unterlassen. Da auch die Verwendung kommentierender Zitate mittlerweile recht eingeschränkt ist (Online-Quellen, Websites zu Filmen und ähnliche Portale werden von den enzyklopädierenden Film-Hardlinern größtenteils als “Werbung” gewertet), bleibt den Film-Autor(inn)en schlechterdings wenig mehr übrig, als Filmhandlungen zu referieren.

Fazit: Geschrieben werden die Filmartikel der deutschsprachigen Wikipedia offensichtlich nicht für das informationensuchende Publikum, sondern allein für die Befriedigung verquaster Ideologievorstellungen. Immerhin: Daß es grundsätzlich gesehen auch anders geht, zeigen die bereits aufgeführten Genres im Bereich Pop und Rock: Kein Artikel ist wie der andere; Pragmatismus bestimmt auf weiter Flur das Bild. Möglich, daß sich die Prämissen “Vielfalt hilft” und “das Thema bestimmt die Vorgehensweise” auch bei den Filmaktiven der Online-Enzyklopädie irgendwann durchsetzen. Aktuell ist davon allerdings wenig zu spüren.

Günter Schuler

Eine Reaktion zu “Popmusik vs. Film: Vielfalt kontra Wikiideologie”

  1. AndreasP

    Der Bereich Film ist insgesamt wahrlich kein Aushängeschild der de.Wikipedia, das stimmt wohl. Es mag daran liegen, dass es nur wenige Filmfreunde gibt, die ohne allzu meinungsfreudig oder einseitig oder assoziativ zu werden einen Film sicher und lesenswert einordnen können, und noch weniger, die das dann auch noch in der Wikipedia tun. Aber dass hier ausgerechnet Spoiler-Warnungen gefordert werden, ist doch ein schlechter Witz. Wer einen Abschnitt namens “Handlung” liest, wird hoffentlich an der Handlung interessiert sein. Ansonsten braucht man es ja nicht lesen. Wer einmal im Leben ein Literaturlexikon oder einen Opernführer in der Hand gehabt hat, kann Spoiler-Warnungen nicht ernsthaft fordern. Das Projekt heißt nun mal “Wikipedia – Die freie Enzyklopädie” und nicht “Ausgehtipps für heute abend”.