Personendaten-Sammelstelle Wikipedia
Daß Wikipedia einen Umgang mit personenbezogenen Daten pflegt, der auf der Schmerzskala weit oben liegt, läßt sich auch von Wohlmeinenden kaum übersehen. Von der frischfröhlichen Datensammelwut enzyklopädisierender Internet-Paparazzos sind jedoch nicht nur mehr oder weniger prominente Zeitgenossen betroffen (wie beispielsweise die Sängerin der Band MIA, deren Realname im entsprechenden Bandartikel geoutet wurde), sondern auch die eigenen Mitarbeiter. Erst im Sommer dieses Jahres wurde der User Edit Counter, ein besonders agressives Tool zum Überwachen der mitschreibenden Enzyklopädiekollegen, stillschweigend aus dem Verkehr gezogen. Einige Basicfunktionen – etwa das Festellen der Edit-Anzahl eines beliebigen Users – stehen in Wikipedia nach wie vor zur Verfügung; auch eine aktualisierte Beta-Version dieses Tools wird zwischenzeitlich wieder verfügbar gemacht.
Sorgen, daß die in Wikipedia praktizierte Speicherung personenbezogener Daten möglicherweise mit bestehenden Gesetzen in Konflikt geraten könnte, trieben Anfang Oktober auch einige Teilnehmer der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia um. Anlaß war ein Urteil des Amtsgericht Berlin-Mitte vom März dieses Jahres, welches Anfang Oktober veröffentlicht wurde und dessen potenzielle Folgen für die Internetbranche auch in einem Beitrag bei heise.de thematisiert wurden. Frage: Verstößt die von Wikipedia betriebene Erfassung von Personendaten – etwa das Online-Stellen von IP-Adressen unangemeldeter Editoren – gegen den gesetzlich garantierten Schutz vor personenverhaltenserfassender Vorratsdatenspeicherung? In der Tat lassen sich hierfür eine Reihe von Argumenten geltend machen. Datenschutzrechtlich problematisch ist allerdings nicht nur das Publizieren von IP-Adressen anonymer Editoren, sondern auch der Umgang mit projektinternen Mails, konkret: dem im Internet öffentlich einsehbar gemachten Postverkehr der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia.
Daß Wikipedia-User von ihrem ersten Edit an gläsern sind, ist ein Allgemeinplatz: Die Lenin’sche Parole, das Kontrolle besser ist als Vertrauen, haben sich die Aktivisten der deutschsprachigen Wikipedia besonders gründlich zu eigen gemacht. Über die daraus resultierende Praxis – allgemein zugängliche wie interne Checkpraktiken an allen Ecken und Enden – kann man geteilter Meinung sein. Gesteht man dem Projekt grundsätzlich das Recht zu, sich selbst zu schützen, wird man die Notwendigkeit einer gewissen Kontrolle sicherlich befürworten. Allerdings: Selbst in diesem Fall stellt sich die Anschlußfrage, ob das in den Ausmaß geschehen muß wie bei Wikipedia gängig. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Postverkehr der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia. Auf die Tatsache, daß die innerhalb der Liste gemailten Beiträge im Internet archiviert werden und daher öffentlich zugänglich sind, weisen Projekt- und Anmeldeseite zwar hin. Andererseits ermunterten die Projektbetreiber ihr Fußvolk noch bis zum 1. Oktober 2007 (bezeichnenderweise genau bis zum Vortag, ab dem potenzielle Folgen des Berliner Amtsgerichtsurteils innerhalb der Mailingliste problematisiert wurden), sich auf diese Weise im Internet transparent zu machen. Die Aufforderung aus dem Absatz zur Beschreibung der Liste WikiDE-l im Wortlaut: “Alle regelmäßigen Teilnehmer und alle Administratoren sollten sie abonnieren, da darüber wichtige Ankündigungen und Nachrichten laufen.”
Die aktuelle, redigierte Aufforderung animiert nicht mehr so offensichtlich zur Beteiligung. Nichtsdestotrotz ist die öffentlich archivierte Post ein Politikum. Ist das Ins-Internet-Stellen internen Postverkehrs nur ethisch gesehen grenzwertig oder auch juristisch? Möglich, daß die Mailinglisten-Betreiber – unter anderem Kurt Jansson und Arne Klempert vom Verein Wikimedia Deutschland e. V. – mit dem Hinweis, das die Post archiviert wird, juristisch aus dem Schneider sind: Wohlwollend gesehen könnte der Hinweis auf die Internetarchivierung als gültiger Vertragsabschluss gewertet werden. Eine andere Sache ist allerdings der Inhalt der geposteten Beiträge. In der Praxis sind diese zwar meist derart ödend, daß normale Menschen auf den Genuß ihrer Inhalte vermutlich dankend verzichten. Da es jedem Teilnehmer allerdings unbenommen ist, erfundene oder wahre Personendaten über Dritte in der Liste auszubreiten, können sich potenziell auch Frau Meier, Herr Schulz oder Oma Schmitz am Internet-Pranger von WikiDE-l wiederfinden. Bloße Theorie, den Teufel an die Wand gemalt? Keinesfalls. Im Rahmen meiner Rechercheankündigung für das Buch “Wikipedia inside” im Januar 2007 wurde ich unversehends Betroffener dieser denkwürdigen Art von Internet-Outing. Um mir einen Verstoß gegen die offensichtlich recht rigiden Konventionen der Liste nachzuweisen, kopierte ein Teilnehmer kurzerhand das Übertragungsprotokoll meiner Mail in seinen Beitrag und versah diese mit freizügigen Erläuterungen zu meinem Internetbetreiber. Ein Ergebnis, daß im Rahmen des Kontextes schnell zur Einladung werden kann: Potenzielle Stalker, Freaks und Festplatten-Cracker brauchen nur noch bei dieser Internet-Adresse vorbeizuschauen.
Kontrolle – total, Privatsphäre – null, Toleranz – null: Privatsphärentechnisch übergriffig geht es insbesondere in den Chatrooms von Wikipedia zu. Projektintern dienen die diversen Chatkanäle als informeller Abhänge- und Koordinationsort für eine Reihe von Projektadministratoren plus Umfeld. Summa summarum ein Ort, an dem man – eigentlich – unter sich bleiben möchte. Nichtsdestotrotz weist die deutschsprachige Wikipedia auch die Chatkanäle als offizielles Angebot aus und ermuntert so mehr oder weniger zu ihrem Gebrauch. Wer allerdings die Offerte wahrnimmt, sollte sich vorab warm anziehen. Außenstehende – oder allgemein Leute, die “nerven” – sind hier absolut unerwünscht; bereits ein falsches Wort kann ohne weitere Umstände zum “Kick” führen – dem Rausschmiß aus dem Chat. Weitaus bedenklicher ist allerdings eine weitere Leidenschaft der hier versammelten Stammkundschaft – Personalkontrollen, sogenannte IP-Checks. Konkret handelt es sich dabei um Versuche, die vom Internet-Provider vergebene Rechneradresse mißliebiger Teilnehmer zu ermitteln – was internettechnologisch nichts weiter ist als der erste von zwei Teilen einer Personenüberprüfung. Seltsam dabei ist insbesondere, daß IP-Checks wikipediaoffiziell eigentlich sogenannten Checkusern vorbehalten sind – einer Aktivengruppe somit, die in der Hierarchie von Wikipedia über den normalen Projektadmins angesiedelt ist. Selbst projektintern sorgt das Chat-Gebahren, dessen Verhaltensmuster eher an “Großstadtrevier” als an Enzyklopädie erinnern, gelegentlich für Mißmut. Als außenbildschädigend kritisiert wurde in der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia Anfang Oktober insbesondere der Nickname eines Chat-Admins – obwohl gunfighter-6 als Pseudonym eigentlich eine recht passende Wahl war.
Sind die in den Wikipedia-Chatkanälen zur Delektur gehörenden Amtsanmaßungen einfach geschmacklose Scherze, über die zu berichten sich nicht lohnt? Man mag es so sehen. Betrachtet man die userbezogenen Datenerhebungen allerdings in ihrer Gesamtheit (und bezieht die oft von “Ich-weiß-auch-was”-Eingaben in Mitleidenschaft gezogenen Biografieartikel im eigentlichen Enzyklopädieteil mit ein), drängt sich allerdings ein eher düsteres Bild auf. Im Klartext: Die technikversierten “jungen Wilden”, die gegenwärtig in der Online-Enzyklopädie den Ton angeben, haben im Hinblick auf Verhältnismäßigkeit, auf Recht und Billigkeit sowie Fairness im Umgang mit dem Rest der Userschaft jegliches Augenmaß verloren. Ist Datenschutz für Wikipedia ein Fremdwort? Umgekehrt gefragt: Ist innerhalb des Projekts noch jemand in der Lage, den administrationsfreudigen “Power Usern” ihre Grenzen aufzuzeigen? Das Thema dürfte noch spannend werden. Wie auch immer: Bevor das Enzyklopädieprojekt zu einem Mittelding aus Pranger, Boulevardmagazin und Internet-Privatermittlung verkommt, wäre folgende Forderung politisch aufzugreifen und durchzusetzen: Nehmt Wikipedia vom Netz – sofort!
Günter Schuler

Am 12. Oktober 2007 um 18:02 Uhr
Es ist schon interessant, wie hier Herr Schuler wesentliche Fakten verschweigt. Ob diese aus Unwissenheit oder Absicht geschieht steht hier nicht zur Debatte, jedoch sollte die geneigte Leserschaft einiges wissenswerte erfahren.
Jeder hat die Möglichkeit mit einem Benutzernamen mitzuarbeiten. Es wird keiner gezwungen unter IP zu editieren. Wer es dennoch tut, wird es schwer haben sich auf den Datenschutz zu berufen, da es die Speicherung selbst verhindern kann.
Die Mailingliste der Wikipedia ist eine Mailingliste wie tausende andere die im Internet zu finden sind. Ob bei http://groups.google.com/ oder bei http://de.groups.yahoo.com/ oder in einem der vielen anderen Anbietern. Und warum sollte für so ein Projekt wie die Wikipedia eine Ausnahme gemacht werden und die Emails evtl. nur einer kleinen Gruppe von Nutzern zugänglich sein. Gerade die Offenheit ist ein Vorteil, so kann hinterher niemanden sagen, dass er von nichts gewusst hat. Das Hervorheben dieser allseits gebräuchlichen Praxis bei Wikipedia, lässt die journalistischen Fähigkeiten eines Herrn Schuler in keinem guten Licht erscheinen.
Und auch das Verhalten und die Gebahren im Wikipedia-Chat sind weitgehend netzüblich. Allein der den Wikipedia-Chat hostende Anbieter Freenode bietet über 4000 entsprechende Räume, die alle die Möglichkeit der IP-Abfrage etc. bieten. Diese Funktion hat jeder IRC-Client schon standardmäßig integriert.
Aber lieber essentielle Informationen verschweigen und so tun, als wäre die Wikipedia der böse, stinkende Feind. Warum erinnert mich das alles nur an Karl-Eduard.
Am 12. Oktober 2007 um 20:50 Uhr
“Umgekehrt gefragt: Ist innerhalb des Projekts noch jemand in der Lage, den administrationsfreudigen “Power Usern” ihre Grenzen aufzuzeigen?”
Vielleicht sollte ihm noch jemand sagen, dass das mit /whois xy im IRC jeder tun kann und das keinerlei verschwörerischen Sonderrechte junger Power-User benötigt? Kann sogar meine Mama…
Aber das beinhaltet “Diese Funktion hat jeder IRC-Client schon standardmäßig integriert.” wohl bereits (und das sogar per Auswahlmenü o.ä., für jene, die keinerlei Befehle tippen wollen)
Am 19. Oktober 2007 um 15:31 Uhr
Ich unterstelle dem Autor auch mal fehlendes technisches Verständniss ist er doch kein Techniker und warscheinlich auch nicht im IRC idelend gross geworden. Und er hat ja seiner Meinung einige böse Überraschungen erlebt auch wenn die Schlussfolgerungen ein wenig von der technischen Fehleinschätzung abdriften.
Ich finde das eher zu dürftig eine politsiche Forderung daraus abzuleiten.
Am 9. November 2007 um 15:49 Uhr
Interessanterweise postuliert [[Wikipedia:Anonymität]] ein Recht auf Anonymität. Unklar ist noch, wo die Grenzen liegen. Der Fall von Ninety Mile Beach ist in diesem Zusammenhang auch interessant.
Am 7. Februar 2008 um 13:16 Uhr
Meine Firewall schlägt immer noch regelmäßig Alarm, wenn ich in einer der IRC-Chaträumen bin. Auf ansonsten unbenutzten IP-Ports wird versucht, auf meinen Rechner zuzugreifen. Um mal mit Mark Twain zu fragen: kann es sein, dass die Arglosen im Ausland, die Begrifflichkeit Ausspähung von Daten nicht kennen? Thomas7