Wikipedia und die Dixie Chicks

Es gibt auch positive Dinge aus der Welt der Wikipedia zu berichten. Seit rund einem Jahr enthält die Online-Enzyklopädie einen fundierten und informativen Artikel zur texanischen Country-Frauenband Dixie Chicks. Weder ausgespart noch verharmlost oder relativiert werden in ihm insbesondere die Auseinandersetzungen um Äußerungen der Bandmitgliederinnen zu George W. Bush und dem Irak-Krieg. Eingehend dokumentiert sind die Turbulenzen, die seinerzeit Auftrittsverbote, Radioboykotte und andere Konsequenzen bis hin zu Morddrohungen nach sich zogen, nunmehr in einem sehenswerten Film. “Shut Up And Sing” läuft seit August in den Kinos und vermittelt – jenseits aller Schönfärberei – ein realistisches Bild des Drucks, dem die drei Bandmitgliederinnen und ihr Umfeld ausgesetzt waren. Fazit: Vielleicht nicht so schrill und polarisierend wie Michael Moore, dafür jedoch ganz großes Dokumentarkino, über Rockmusik, politisches Engagement – und die Zivilcourage, die manchmal nötig ist, wenn man beides miteinander in Einklang bringen möchte.

Auch wenn der Film lediglich im Abschnitt “Diskografie” erwähnt ist: Das politische Engagement der Band findet im Wikipedia-Beitrag durchaus seinen Niederschlag. Nach der Intervention eines Linda-Feller-Fans, welcher die Darstellung als “einseitig” empfand, seit Anfang des Jahres sogar mit Quellen. Daß dieser Linda-Feller-Fan, unbeachtet von den sonst so fleißigen Projektadministratoren, ungestraft randalieren, Diskussionsbeiträge löschen und in einem recht unverschämten Tonfall “Quellen” einfordern durfte für Sachverhalte, die in der hiesigen Presse ausführlich dargestellt wurden (und somit allgemein bekannt waren), ist eine andere Sache. Seit Februar 2007 enthält der Artikel nunmehr auch Einzelnachweise – quasi die höchste Stufe, mit denen Wikipedia-Informationen als “seriös” ausgewiesen sind. Genutzt hat’s also, aber war es auch gut? Daß das Auftreten derartiger User, kombiniert mit einem (wohlwollenden?) Laissez-faire seitens der Projektadministratoren, kaum dazu geeignet sein dürfte, der deutschsprachigen Wikipedia kompetente Autor(inn)en im Bereich Rock & Pop zuzuführen, liegt auf der Hand. Immerhin: Daß die inquisitorisch eingeforderten Quellenangaben zumindest enzyklopädisch gesehen zum Erfolg führten, will ich an dieser Stelle nicht bestreiten. Seit Februar 2007 ist der Artikel, von den notorischen Kleinveränderungen (Weblink raus, Weblink rein, “Country” raus, “Rock” rein etcetera) abgesehen, stabil. Andererseits: Während die Band weiterhin produktiv ist, bleibt der Beitrag, von der Aufführung des Films in der Diskografie-Liste einmal abgesehen, inhaltlich auf dem alten Stand. Im Klartext: Adäquat eingepflegt ist “Shut Up And Sing” bislang nicht. Einerseits ist das Veralten nicht mehr gepflegter Enzyklopädiebeiträge ein strukturelles Problem. Andererseits jedoch ein mutwilliges, weil Wikipedia geradezu bedenkenlos mit seinen Autorenressourcen umgeht. “Wikipedia Inside”-Leser(innen) werden hier auch das Eigenlob des Autors herauslesen und gleichzeitig feststellen, dass eine Hauptautorin, Journalistin mit dem Wikipedia-Pseudonym Barb, das Projekt verlassen hat. Also doch kein rein positiver Bericht.

Günter Schuler

Eine Reaktion zu “Wikipedia und die Dixie Chicks”

  1. Robert Renitent

    Mein lieber Scholli ( pardon: Koslowski),

    also dazu gehört schon eine gehörige Portion Chuzpe, diesen Artikel als fundiert und am Ende auch noch neutral zu bezeichnen.

    Wobei letzteres in der Natur der Sache liegt und wackeren POV - Schreiberlingen wie Ihnen nur zum Teil anzulasten ist: Artikel, in denen der Herr Bush erwähnt wird und die gleichzeitig auch noch neutral sind, gibt es in der deutschen Wikipedia zur Zeit etwa so viele, wie Taliban im Weißen Haus. Ändern wird sich das wahrscheinlich frühestens, wenn der übernächste Amtsinhaber am Potomac Platz genommen hat.

    Aber vielleicht bewirkt Ihr Gejammer hier ja noch was
    Gutes und es erbarmt sich ein mitleidiges Wikipedia - Herz dieses armen Artikels, macht aus einem Wahlwerbespot für die Demokratische Partei wieder einen Artikel über eine Countryband und verbannt den ganzen Politkram unter ” Trivia” in drei Zeilen am Ende.

    Es soll nun aber nicht nur auf Sie eingeprügelt werden- Sie leiden ja offenbar immer noch schwer unter der Demütigung, daß ihre weinerliche Prosa auf allen möglichen Benutzerseiten so völlig unbeachtet blieb und Sie keinen Orden für die heldenhafte Verteidigung der einzig wirklichen und wahren npov - Version verliehen bekamen:

    Ihr kleiner Privatkrieg mit dem wacker revertierenden User ( wessen Fan er/sie auch ist und welche Rolle das dabei auch immer spielen mag) ist allerbeste Abendunterhaltung - der Dank,daß solche Highlights der Nachwelt erhalten bleiben, gebührt Wikipedia.

Einen Kommentar schreiben