Geisteswissenschaftler händeringend gesucht
Ist Wikipedia auf dem guten Weg zu einer seriösen Enzyklopädie? Seit im Sommer 2007 die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur zusammen mit dem Verlag “Spektrum der Wissenschaft” und dem Verein Wikimedia Deutschland e. V. die mit 3000 Euro dotierte Zedler-Medaille verlieh als Auszeichnung für die Überarbeitung des Wikipedia-Artikels zu dem Philosophen Ludwig Feuerbach, werden Wikikurier, der Pressespiegel von Wikipedia, die in der Mailingliste postenden Wikipedia-Promis sowie Wikimedia Deutschland e. V. werden nicht müde, die gute Nachricht in alle Welt zu verbreiten. Ein Erfolg, wird mancher einwenden, die dem Enzyklopädie-Underdog Wikipedia nur zu gönnen ist: Scheint doch das Ziel, endlich von der akademischen Welt anerkannt zu werden, nun endlich in erreichbare Nähe gerückt.
Auch am Sujet gibt es zunächst wenig auszusetzen. Der Beitrag zu Ludwig Feuerbach, mittlerweile zum Exzellenten Artikel gewählt, bietet in der Tat enzyklopädische Information vom Feinsten. Selbst die Themenwahl – gemeinhin eher von geschmacklichem Eskapismus geprägt – macht es den Projektkritikern diesmal schwer: Der Artikel hebt sich, da gibt es nichts zu mäkeln, positiv ab von dem Generäle-Könige-Fürsten-Umfeld, daß den Bereich der historischen Biografieartikel über weite Strecken bestimmt. Was ist also schlecht am ständig eingestimmten Zedler-Song – außer, daß er mit der Zeit einfach nervt? Die Antwort: das Umfeld, in dem der Artikel steht und der Eindruck, der mit dem Werbegetöse suggeriert werden soll. Anders, als es das Getöse um den Zedler-Preis suggerieren möchte, lautet die eigentlich interessante Frage noch immer: Ist Wikipedia ein attraktives Umfeld für Geisteswissenschaftler oder nicht?
Daß die informelle Beliebigkeit sowie das Nebeneinander völlig bezuglos zueinander eingesteller Detail-Schnipsel mittelfristig auch dem prämierten Feuerbach-Beitrag auf Dauer kaum gut tun wird, zeigt ein Blick auf die zahlreichen Veränderungen seit seiner Erweiterung durch den Literaturübersetzer und Hauptautor Josef Winiger. In der aktuellen Beitragsversion finden sich zwar zweifellos eine Reihe Stilkorrekturen, die den Artikel lesbarer gestalten. Allzu große Begeisterung für das Thema stutzten andere Editoren auf das enzyklopädische Normalmaß zurück; optimiert wurde darüber hinaus auch die interne Wiki-Verlinkung. Neben diesen reellen Beitragsoptimierungen finden sich im prämierten Beitrag allerdings auch andere – solche nämlich, die man am besten mit der Bezeichnung “Veränderung um der Veränderung willen” charakterisiert.
Hyperaktivismus beim Verändern ist alles andere als ein spezifisches Merkmal des Feuerbach-Artikels. Die statistische Regel lautet nämlich: Häufige Edits finden in Wikipedia längst vor allem bei bereits guten Artikeln statt – keinesfalls bei den schlechten, ausbaufähigen. Zusätzlich anzumerken ist beim Feuerbach-Artikel, daß der Schutz der Community hier besonders intensiv ausfällt; der letzte Vandalismus am 13. September 2007 wurde noch in der gleichen Minute revertiert. Spricht Ludwig Feuerbach für die kollaborative Arbeitsweise von Wikipedia oder gegen sie? Wie so oft, liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen: Alle Bedingungen zusammengezählt, dokumentiert der Feuerbach-Beitrag vor allem ein überdurchschnittliches Bearbeitungs-Umfeld – ergo einen Einzelfall. Für den Beitrag mag dies nicht das Schlechteste sein; Wikipedia-typisch sind derartige Arbeitsbedingungen keinesfalls. Der unspektakuläre Normalfall: Vor allem Artikel in gesellschaftlich strittigen Themen gleichen oft mehr Schlachtfeldern, als daß sie Information aus einem Guß liefern würden. Hinzu kommen die bekannten Mißstände: überforderte Administratoren, ständige Edit Wars, Hijack-Versuche von rechten oder fundamentalistischen Gruppen und schließlich ein Arbeitsklima, daß selbst Mitglieder des Inner Circle als chronisch schlecht bezeichnen.
Ist Wikipedia ein gutes Umfeld für die Teilnahme von Geisteswissenschaftlern – oder allgemein: kompetenten Autorinnen und Autoren? Einerseits hätte die freie Enzyklopädie solche mit Sicherheit nötig. Ohne eine Strukturänderung, welche die Mitarbeit in Wikipedia real attraktiver macht, wird diese Mitarbeit allerdings kaum zu bekommen sein. Einige dieser Lösungsmöglichkeiten werden in “Wikipedia inside” thematisiert. Die Rezepte des Autors hier in Kurzform: kontinuierlich arbeitende Redaktionen, Abbau von Bürokratie, Schaffen eines Arbeitsklimas, welches das Benennen von Problemen überhaupt erst möglich macht, Machtverschiebung von der Verwaltungs- auf die Autoren-Ebene und schließlich Abschied von dem Wikipedia-Irrglauben, daß das Zusammenkompilieren möglichst vieler Google-Puzzleteile durch möglichst viel unterschiedliche Editor(inn)en automatisch einen guten Artikel ergibt.
Günter Schuler
