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Sexlinks erfolglos angezeigt

Der “Wikikurier”, das communityinterne Boulevardblatt der deutschsprachigen Wikipedia, mag enzyklopädisch gesehen eher nicht so relevant sein. Über das, was innerhalb der Community für wichtig und darum berichtenswert gehalten wird, gibt diese Seite allerdings recht aufschlußreiche Auskünfte. Aufschluß darüber, daß einige Wikipedianer selbst wegen Banalitäten die Justiz bemühen, gibt die aktuelle Version des virtuellen Community-Mitteilungsblättchens. Was ist geschehen? Laut “Wikikurier” mußte Markus Schweiß, bis Frühjahr 2007 einflußreicher Wikipedianer und Projekt-Administrator, eine gerichtliche Niederlage gegen den bereits 2005 gesperrten Wikipedia-Editor mit dem Pseudonym Mutter Erde einstecken. Der Anlaß: Schweiß hatte diesen angezeigt wegen Links auf Wikipedia-Diskussionsseiten zu Sexseiten im Internet.

Online stand der Stein des Anstoßes zwar nur einige Minuten. Allerdings: Da sich bei einigen Wikipedia-Machern die Welt ausschließlich um das Logo mit dem gepuzzleten Globus zu drehen scheint, kann man der Anzeige eine gewisse Folgerichtigkeit schlecht absprechen. Staatsanwalt und Richter indes mochten sich den Prioritäten der Enzyklopädiemacher, so mußte auch der “Wikikurier” kleinlaut vermelden, diesmal nicht so recht anschließen. Zu viel Arbeit, die rumliegt? Wichtigere Fälle? Mangelnde Einsicht in die Notwendigkeit, das Setzen nicht wikipediakonformer Links angemessen zu ahnden? Wir wissen es nicht. Reichlich daneben (und in ihrer Peinlichkeit beinahe schon Realsatire) ist allerdings die Einschätzung, welche das Community-Boulevardblatt aus der gescheiterten Sexlink-Anzeige ableitet: Laut “Wikikurier” erhöht der Freispruch des Berliner Gerichts nämlich im Endeffekt die Rechtssicherheit der Wikipedia-Administratoren.

Einerseits muß man, um sich eine Niederlage schönzuschreiben, auf eine derartige Argumentation erst einmal kommen. Interessanter – und derzeit leider typischer für die Diskussionskultur im Basisprojekt Wikipedia – sind allerdings die Aspekte, die im “Wikikurier”-Artikel gar nicht erst zur Sprache gebracht werden. Zum einen die Tatsache, daß das Einleiten juristischer Schritte wegen Bagatell-Edits ein geradezu desaströses Signal ist für jene neuen Autoren, die man auf anderen Projektseiten angeblich händeringend sucht. Wer wegen eines Artikelfehlers oder wegen eines Diskussionsbeitrags potenziell mit Anzeigen oder Zivilklagen rechnen muß, wird sich möglicherweise zweimal überlegen, ob er sein Wissen und seine Kompetenz kostenlos mit der Gemeinde der Internetnutzer teilt. Nicht thematisiert wird im “Wikikurier” auch ein weiterer pikanter Aspekt: daß es die wikipediainternen Etikette eigentlich untersagen, mit Klagen oder juristischen Schritten zu drohen – ein Verhalten, daß in der Regel mit sofortiger Sperrung des jeweiligen Benutzeraccounts geahndet wird. Fazit: Auch hier also wieder Messen mit zweierlei Maß. In dem Sinn ist die im “Wikikurier” breitgetretene Affaire nicht nur ein Eigentor für die Berichterstatter, sondern letzten Endes ein Vorfall, der nicht unwesentlich mit dazu beiträgt, den Ruf von Wikipedia als Hort inkompetenter “Freizeitdiktatoren” zu festigen.

Günter Schuler

3 Reaktionen zu “Sexlinks erfolglos angezeigt”

  1. Marcus Cyron

    Lieber Herr Schuler – Wikipedia Inside? Sie? Sie zeigen immer wieder, daß sie überhaupt nichts kapiert haben. Das ist irgendwie schon traurig, wo sie sich doch ein Buch mit einem solchen Titel anmaßen. Sie haben nichteinmal das Prinzip des Kuriers erkannt.

    Vieleicht sollten sie noch ein paar Jahre das Projekt studieren – vieleicht sind sie ja wirklich irgendwann mal “Inside”. Bei ihren unsauberen Methoden glaube ich aber nicht daran.

  2. Alexander A.T. Klimke

    Als Autor des angesprochenen Artikels im Wikikurier, der beruflich als Strafverteidiger aktiv ist, kann ich aus ganzem Herzen sagen, dass ich ausgesprochen zufrieden mit dem Urteil bin, das einerseits Grenzen setzt, andererseits aber nicht kleinkariert argumentiert ist.
    Wie Herr Schuler ja anscheinend goldrichtig erkannt hat, gibt es nämlich ein Spannungsverhältnis zwischen der Auslegung der rechtlichen Normen, welche auf der einen Seite die Wikipedia als Gesamtwerk zu schützen geeignet sind und auf der anderen Seite unter Umständen auch wohlwollenden Benutzern rechtliche Probleme bereiten könnten.
    Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass meine Leitschnur maximale Freiheit im Internet ist, ich wende mich gegen Zensur und unnötige staatliche Regularien. Und dennoch werde ich es mir sicherlich nicht nehmen lassen, einen Übeltäter anzuzeigen, wenn er etwa versuchen sollte, die Ausschwitzlüge in der Wikipedia zu verbreiten.

  3. thomas7

    Tja, die ganze enzyklopädische Wucht von Markus S. und Markus C. kann man ja oben nachlesen. Auf dem von Schuler dokumentierten Niveau von Markus C. glauben auch andere Protagonisten und Knöpfemißbraucher Enzyklopädie zu machen: besonders anstößig: gegenwärtig läßt sich der Admin Seewolf mit Check-User-Knöpfen von seinen Claqeuren ausstatten:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Checkuser/Wahl/2009

    Diese Knöpfe erlauben Seewolf – datenschutzrechtlich zweifelhaft – die IP-Nummern seiner Opfer nachzuschlagen, um diese personenbezogenen
    Daten dann – wie auf diversen Seiten der deutschsprachigen WP nachzulesen und rechtlich problematisch – für pubertäre
    Prangerseiten zu mißbrauchen. Seewolf, der Tag- und nach vor dem Computer hockt um – nach seinem eng umgrenzten Verständnis – Kritiker zu sperren, ist ein besonders krasser Fall von Peergroup-Fehlentwicklung in der deutschsprachigen Wikipedia.

    Die – leider zu kurze – Liste mit Gegenstimmen gegen Seewolf umfasst (mit Ausnahmen) einen Großteil der seriösen Enzyklopädisten, die aber – aller Wahrscheinlichkeit nach – nicht diesen enzyklopädischen Gau verhindern können.

    Im Schlepptau von Seewolf kreuzen jene Quartettkarten-Wissensverbreiter, die die deutschsprachige Wikipedia mit
    Militariamüll vollkippen oder die braune Diskografien angeblich
    enzyklopädiewürdig aufblähen.

    Mit der CU-Wahl von Seewolf wird ein federführender Knöpfe-Mißbrauchs-Bock zum enzyklopädischen Gärtner. Hoffentlich schließt
    er sich Markus S. oder Ulli F. möglichst schnell an und verschwindet
    bald Richtung enzyklopädischem Irrelevanz-Misthaufen.