Community-Reaktionen auf “Wikipedia inside”
Reaktionen – sowohl positive als auch kritische – sind für einen engagierten Titel wie “Wikipedia inside” natürlich das beste Kompliment. Die Diskussion, wie es mit dem Projekt einer offen editierbaren Internet-Enzyklopädie weitergehen soll, hat darüber auch eine allgemeine Relevanz. Wie auch immer: Erste Feedbacks aus der Community sind mittlerweile zu verzeichnen. Auch wenn derartige Rückmeldungen zu erwarten waren: Die Statements, die in den Insider-Blogs diverser Community-Mitglieder zirkulieren (und in einem Fall auch als Leserrezension bei amazon eingestellt wurden), artikulieren viel persönliche Betroffenheit, dafür allerdings wenig substanzielle Kritik. Insgesamt scheint sich mittlerweile allerdings ein differenzierterer Umgang abzuzeichnen mit den im Buch formulierten Kritikpunkten an der freien Enzyklopädie. Dies dokumentiert jedenfalls eine weitere Blog-Rezension eines Wikipedianers namens Klaus Graf.
Bestätigt die Reaktion der Kritiker insgesamt die Kritik? Für derartige Aussagen ist es mit Sicherheit noch viel zu früh. Aktuell festzuhalten bleibt: Auch wenn Autor und Verlag gegen die Idee einer “Wohlfühl-Enzyklopädie” (im Sinne von: angenehmem Arbeitsklima, transparenten Strukturen sowie guten, vielfältigen Inhalten) nichts einzuwenden haben, scheinen doch unterschiedliche Vorstellungen darüber zu bestehen, wie dieses Idealziel angestrebt werden kann. Während “Wikipedia inside” die diversen Mankos des Projekts offen benennt, hierfür auch potenzielle Lösungsmöglichkeiten zur Diskussion stellt und sich ansonsten die Freiheit nimmt, zusätzlich Funktion und Umfeld von Wikipedia auszuleuchten, möchten – so jedenfalls der aktuelle Stand – einige Community-Promis wohl am liebsten weiter ihr internes Süppchen kochen. Wie auch immer die Diskussion weitergeht: Dieses Weblog wird sie auf adäquate Weise dokumentieren.
Zugegeben – über Jahre war Wikipedia das Medium des neuen Web 2.0-Lifestyles schlechthin. “Rockt” die Online-Enzyklopädie auch in ein paar Jahren noch? Für den Anschein, daß sich Wikipedia weiterhin in einer stetigen Aufwärtsspirale befindet, sprach Mitte September eine Meldung in der Online-Ausgabe der österreichischen Tageszeitung “Der Standard”. Das Meldungsschnipsel, daß Brockhaus seine Enzyklopädie-Editionen möglicherweise einstellen wird, sorgte in der Mailingliste der deutschsprachigen Wikipedia für einhelligen Jubel. Der Kult um die stetig ansteigenden Zahlen ist zwar typisch für die freie Enzyklopädie. Rein statistisch gesehen wächst das Online-Lexikon – inklusive seines deutschsprachigen Ablegers – täglich, stündlich, sogar minütlich weiter. Allerdings: Ebenso an steigen auch die Patzer und Peinlichkeiten, die Fehler sowie die unübersehbare Masse an sinnlosem Info-Müll. Eine grundsätzliche Möglichkeit, dem gegenzusteuern wäre, die Mitsprachemöglichkeiten von Artikelautoren (im Wikipedia-Jargon: Hauptautoren) innerhalb des Gesamtprojekts zu stärken. Gegen eine derartige Grundsatzentscheidung allerdings sträuben sich die Projektverantwortlichen mit Händen und Füßen. Bestes Beispiel: die Voraussetzung für die Stimmberechtigung. Nach wie vor besagt die entsprechende Regel, daß 200 Artikel genauso viel gelten wie 200 Kommafehler-Korrekturen. Diskussionen, die Spielregeln zu verändern, begünstigen bislang eher die Verwaltungsebene – den bürokratischen Wasserkopf also, an dem Wikipedia sowieso bereits krankt. Daß derartige Entscheidungsstrukturen nicht unbedingt einladend wirken auf potenzielle Artikelschreiber, liegt auf der Hand. Allerdings, die unverbindliche Einladung zur Mitarbeit kostet ja nichts: Neue Autoren sucht Wikipedia auf seiner Homepage weiterhin.
Günter Schuler

Am 1. Oktober 2007 um 17:09 Uhr
Im Buch wird ausführlich über GFDL, Lizenzen usw. eingegangen. Warum werde ich als Autor des Bildes auf Seite 120 nicht erwähnt? Das ist schlicht eine Urheberrechtsverletzung, auch der Abdruck der Lizenz fehlt. Auch andere Bilder werden nicht lizenzkonform benutzt.
Am 1. Oktober 2007 um 19:55 Uhr
Ich bin seit 2004 aktiver Mitarbeiter bei der Wikipedia. Dem Wunsch von Günter Schuler Ende 2006, sich über die Erfahrungen im Projekt Wikipeda auszutauschen, kam ich gerne nach. Einzelne Beiträge konnte ich bereits vor der Veröffentlichung lesen. Nun freut es mich, das Gesamtwerk in den Händen zu halten.
Das Buch teilt sich grob in zwei Teil. Der erste Teil ist sicher für alle von Interesse, die über die bekannte Medienberichterstattung hinaus sich ein umfassendes Bild von Wikipedia machen möchten. Besonders die Aspekte zur Qualität der Artikel und Themengebiete sind gerade auch für die Nutzer der Enzklopädie eine lohnende und gewiss unterhaltende Lektüre. Als Mitarbeiter freue ich mich hier besonders über die kritische Betrachtung der Medienmythen über Wikipedia und deren Konjunkturen in der Berichterstattung zwischen Hype und Bashing. Fundiert wird diese Betrachtung durch den zweiten Teil, der das Innenleben, also die Bedingungen des Zustandekommen des Wikipedia-Wissens betrachtet. Dieser Teil ist sehr facettenreich, weil die ungewöhnlichen Bedingungen des “Web 2.0″ in einem selbstverwalteten Internetprojekt noch sehr jung sind und die Beteiligten vor Probleme stellt, die gesellschaftlich doch sehr neu erscheinen. Hier leistete das Buch Grundlagenarbeit, die sicher noch für viele Journalisten und Froscher für speziellere Fragen von Wert sein wird. Allein die Frage, wie werden Konflikte in einem solchen Projekt sozial angemessen angegangen, könnte ein Buch füllen. Erfreulich, dass der Autor für so spezielle Fragen spannendes Material und Zugänge liefert, sich jedoch weder in Spezialstudien verfängt, noch sogenannte “öde Diskussionen” aus der Wikipedia detailliert wiedergibt.
Wichtig erscheint mir besonders in diesem Teil der Nutzen, für den bei weitem nicht nur Einsteiger und – wie nicht nur nach den Erkenntnisse des Autors zu hoffen ist - Einsteigerinnen in das Projekt dem Autor sicher dankbar sein werden. Mein Gesamteindruck hier: auch als langjähriges Mitglied der Community profitiere ich sehr von der flott geschriebenen Recherche des Autors, die nicht nur einen gelungenen Überblick und Einblick bietet, sondern durch die angenehmen Distanz zum Objekt der Begierde, sinnvolle Fragen an das Projekt möglich macht. Aus der gemachten Erfahrung heraus lässt sich für mich feststellen, dass dieses Buch meinen Einstieg in die Arbeit am Projekt sicher leichter gemacht hätte. Leichter vor allem darin, sich zu orientieren im Dschungel aus Regeln, Leitsystemen, Ausdrucksweisen, Arbeitfeldern, Interessen und den weit in der Wikipedia verteilten Diskussionen der Mitwirkenden. Tatsächliche waren mir - obwohl sehr interessiert an Diskussionen um das Projekt – viele Debatten und Beiträge entgangen, zu denen ich erst mittels der Lektüre einen Zugang fand. Hinsichtlich der Entwicklung der Ideen und der Konzeptionen zu diesem Wiki und dieser Enzyklopädie in ihrer Geschichte sowie der unterschiedlichen User-Hintergründe, sind mir viele Teilaspekten erst durch die angenehme Lektüre von “Wikipedia inside” aufgegangen oder wurden für mich erst durch sie interessant.
Besonders angenehm ist mir die Wertschätzung des Autors gegenüber der Arbeit seiner (im doppelten Sinne) KollegInnen in der Wikipedia aufgefallen. Es besteht ein Unterschied, ob Verantwortliche den AutorenInnen gegenüber als Teilnehmer an einer Erlebnisveranstaltung (Play Wikipedia) auftreten, oder wie Günter Schuler tatsächlich auch nach der Würdigung der Leistung der Autoren fragt und somit nach deren Arbeitsbedingungen und Rechten.
Ein Dissens zwischen dem Autor und mir bestand anfangs in der Frage nach dem Selbstverständnis des Projektes, das Günter Schuler weit skeptischer betrachtet als ich es ihm nahelegen wollte. Dass die Arbeit dort durchaus konfliktreich sein kann, empfand ich immer als Herausforderung, um anhand selbstbestimmter und gemeinschaftlich erarbeiteter Vorgaben nach Lösungen zu suchen. Das Buch überzeugt mich nun doch eindeutiger von der Tatsache, dass der Wust von Regeln den unterschiedlichen Konflikten und Konfliktebenen tatsächlich kaum noch gerecht wird und nur minimal der Anforderung, für eine gute Arbeitsgrundlage seitens der Autoren zu sorgen, dienlich sind. Zurecht fixiert sich der Autor auch nicht auf die einzelnen Regeln. Das Buch hätte sonst eine Fortsetzung der endlosen Diskussionen in der Wikipedia werden können, die kaum auf inhaltliche Aspekte der Arbeitsweise, der vorliegenden Probleme und Konflikte, ja auch der Perspektive der Wikipedia gelangen, weil sie sich in unterschiedlich motivierte Auslegungsdiskussionen nicht mehr hinterfragter Regeln verfangen. Untermauert von Statements z.B. von der Wikipedia-Aktiven Elian, anhand gut aufgearbeiteter Konfliktszenarien und der sehr aufschlussreichen Analyse qualitativer Aspekte kommt Schuler zu Fragestellungen, die jedem Verantwortlichen und Mitarbeitenden in Wikipedia eigentlich direkt ins Auge springen müssten, im Alltag der Wikipedia jedoch nur sehr mühsam, in den Weiten der Wikipedia verstreut und kaum ausgegoren zur Sprache kommen. Wer könnte nach ausgiebiger eigener Erfahrung im Projekt und nach der Lektüre des Buches Schulers besonders folgende Vorschläge nicht unterschreiben: weniger Bürokratie, Fachredaktionen, Administratoren begrenzt auf Zeit, Carta für Autoren, Antidiskriminierungsetikette, mehr inhaltliche anstatt formale Diskussionen, eine Enzyklopädie darf Spaß machen “Wikipedia ist ein Freiwilligen-Projekt, und keine preußische Kadettenanstalt” und einiges mehr.
Auffallend an den Diskussionen in der Wikipedia ist, diese Themen klingen immer mal wieder an, werden aber kaum annähernd erfolgreich angegangen. Möchte man sie überhaupt diskutieren, so wird man sich über weitverstreute Unterseiten durchhangeln müssen. Die Themen Antidiskriminierungsetikette, Carta für Autoren und Betriebsrat finden allerdings in der Wikipedia nicht einmal eine diskussionsfähige Form oder einen Ort, zu der der Großteil der Community Zugang fände. Ein Blick ins “Autorenportal” erschlägt Suchende mit Arbeitsangeboten, “Hilfsmitteln” und “Richtlinien”. Angebote zu Grundsatzdiskussionen sind hier Mangelware. Für alle, die sich mit der Frage nach der Mitarbeit und mit Grundsatzfragen eines Projektes wie Wikipeda beschäftigen, ist das Buch tatsächlich eine kompakte, kritische und vor allem eine anregende und aufmunternde Lektüre. Ob sich die Themen, die Günter Schuler aufwirft, auch in geeigneten Diskussionen innerhalb des Projekts wiederfinden werden, ist für mich heute schon eine Frage darum, welche Zukunft die Wikipedia hat und ob wir gerade in den Mangelbereichen wie den Geisteswissenschaften neue AutorInnen ansprechen können.
Noch eine wichtige Erkenntnis für “Wikipedia Insider”. Nach der Lektüre und nach den ersten Reaktionen einiger Aktivisten habe ich verstanden, dass es zwei Formen des Insider-Daseins gibt. Sie unterscheiden sich an der Frage, ob man es schafft, mit der notwendigen Distanz zum Wikipedia-Aktivismus inhaltliche Fragen aufzuwerfen. Eine Überidentifizierung kennen viele – auch “frei” organisierte – gesellschaftliche Gruppen.